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Tagblatt Online, 10. Oktober 2009 09:56:00

«Der Spruch ist schlicht naiv»

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Ab Ende Oktober ist dieses Plakat 50fach in der Stadt zu sehen. (Bild: Bild: pd)

ST.GALLEN. Vertreter kirchlicher Kreise reagieren gelassen darauf, dass das Plakat der Freidenker genehmigt wurde. Es fördere die Diskussion über Glaubensfragen. Kritisiert wird die Aussage aber dennoch: Sie sei «veraltet» und «oberflächlich».

Katja müller

Die Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS) wird Ende Oktober in der Deutschschweiz Plakate hängen lassen, auf denen in Frage gestellt wird, dass es einen Gott gibt. Der Stadtrat hat die Plakate in St. Gallen genehmigt, obwohl Befürchtungen vorhanden waren, dass sie religiöse Gefühle verletzen könnten (Ausgabe vom 8. Oktober).

Kirchliche Kreise haben offenbar keine Mühe damit, dass der Spruch «Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg dich nicht – geniess das Leben» in der ganzen Stadt zu sehen sein wird.

Mit der Aussage können sie aber naturgemäss wenig anfangen.

Bischof: «Positive Auswirkung»

Vertreter der katholischen und reformierten Landeskirchen sind der Meinung, dass das Plakat zu Diskussionen anregt. «Die Freidenker-Vereinigung hat mit der Aktion dazu beigetragen, dass Glaubensfragen in der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden», sagt Bischof Markus Büchel. «Das ist sogar eine positive Auswirkung der Kampagne.»

Für Carl Boetschi, Pfarrer und Beauftragter für Pastorales der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons, ist der Spruch «ein Steilpass für eine Auseinandersetzung mit dem Glauben».

Ähnlich gelassen gibt man sich bei den Freikirchen. Gust Ledergerber ist Präsident der Evangelischen Allianz St. Gallen, des Dachverbandes von Freikirchen und einzelnen Mitgliedern von Landeskirchen. Es gehöre zur Meinungsfreiheit, dass solche Aussagen gemacht dürfen.

«Ich hoffe, dass diese auch dann angewandt wird, wenn bekennende Christen in der Öffentlichkeit provozierende Aussagen machen.»

Gott habe sicher kein Problem damit, wenn man sich Gedanken über seine Existenz mache, sagt Peter Schafflützel, Pfarrer der Freien Evangelischen Gemeinde. Der Spruch sei ein Spiegel der Gesellschaft. «Wir müssen lernen, mit anderen Meinungen umzugehen und sie zu akzeptieren.»

Niemand der kirchlichen Vertreter sieht sich in seinen eigenen religiösen Gefühlen verletzt. Es könne aber Gläubige geben, die Mühe mit dem Plakat hätten. «Fast jedes Plakat hat das Potenzial, jemanden zu verletzen», sagt Peter Schafflützel.

«Schräg und etwas billig»

Kritisiert wird allerdings die eigentliche Aussage. «Warum sollten Menschen das Leben mehr geniessen, weil es keinen Gott gibt?», sagt Bischof Markus Büchel. «Diese Aussage stimmt für mich überhaupt nicht.

» Sein Glaube mache ihn nicht unfrei im Denken und Handeln und nicht unfähig, dass Leben zu geniessen.

«Das Plakat ist harmlos», sagt Pfarrer Frank Jehle, emeritierter HSG-Seelsorger. Der Spruch sei schlicht naiv und oberflächlich. Den Urhebern sei nicht bewusst, um welche ernsthafte Fragen es eigentlich gehe. «Der Philosoph Friedrich Nietzsche erschrak als er meinte zu erkennen, dass Gott tot sei.

» Die Annahme, man könne das Leben nur geniessen, wenn es keinen Gott gebe, beruhe auf einem antiquierten Gottesbild, das in der heutigen Kirche nicht mehr aktuell sei.

Einfach nur «schräg» und «etwas billig» findet Pfarrer Carl Boetschi die Aussage. «Christen werden in die Ecke von Partymuffeln und Besserwissern gestellt. Dabei fordert die Bibel ja auf, das Leben zu geniessen.»

Auch die Vertreter der Freikirchen betonen, wie sehr sie das Leben geniessen. «Das Leben mit Gott macht am meisten Spass», sagt Reto Kaltbrunner, Leiter der International Christian Fellowship (ICF). «Ich weiss nicht, wie die Freidenker auf die Idee kommen, dass unser Leben langweilig sein könnte.»

«Plakat-, kein Glaubenskrieg»

Laut Reta Caspar, Leiterin der FVS-Geschäftsstelle, ist ihre Kampagne unter anderem als Reaktion auf die christliche Agentur C gedacht. Diese plakatiert den öffentlichen Raum schon seit mehreren Jahren mit Bibelsprüchen (siehe Kasten).

Carl Boetschi von der reformierten Kantonalkirche sieht darin das grösste Problem: «Mir stösst sauer auf, dass sich ein Kampf zwischen den Freidenkern und der Agentur C entwickelt.» Das Ganze sei kein Glaubenskrieg, sondern ein Plakatkrieg. Er verstehe allerdings, wenn jemand Mühe mit den Bibelspruch-Plakaten habe. «Ich bin dagegen, wenn solche Zitate den Passanten wie nasse Lumpen um die Ohren gehauen werden.»

Dieser Meinung ist auch Frank Jehle. Einige Sprüche könnten für Personen, die nicht an Gott glauben, ärgerlich wirken. Diese Plakate würden aber von christlichen Fundamentalisten aufgehängt. «Die grossen Landeskirchen werden dadurch nicht repräsentiert.» Die Freidenker würden diese Plakate vielleicht einfach zu ernst nehmen.





Leser-Kommentare:
1 Beitrag

Kommentar lesen

mercator (12. Oktober 2009, 14:38)
...da ist 'wahrscheinlich' kein Gott....

Schade, dass die 'Freidenker...' das Plakat so banal ausklingen lassen. Geniesse das Leben und mache Dir keine Sorgen - welch eine Plattitüde.. Warum nicht: Lebe so, als ob es ihn gibt - dann machst Du alles richtig !

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