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Tagblatt Online, 30. Juli 2010 11:14:00

«Ambulanzfälle sehen wir selten»

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Hans Ueli Salzmann Leiter aufsuchende Jugendarbeit

Immer mehr jugendliche Rauschtrinker müssen ins Spital eingeliefert werden. Hans Ueli Salzmann von der aufsuchenden Jugendarbeit beobachtet andere Entwicklungen – und hatte 2010 auf der Gasse bisher eher wenig zu tun.

Herr Salzmann, glaubt man der Statistik, hat das «Komatrinken» im vergangenen Jahr weiter stark zugenommen. Beobachten Sie diese Tendenz bei Ihrer Arbeit ebenfalls?

Hans Ueli Salzmann: Es ist unbestritten, dass Jugendliche in der Öffentlichkeit ungezwungener Alkohol trinken als früher. Die Zunahme ist nach meinen Beobachtungen aber nicht sprunghaft im letzten Jahr passiert, wie es die Statistik besagt, sondern schleichend in den vergangenen Jahren.

Dass sich Fälle von Alkoholvergiftungen 2009 verdoppelten, ist aber mit Zahlen belegt. Wie ist das zu erklären?

Salzmann: Schwer zu sagen. Ich habe keine solche Tendenz beobachtet. In den fünf Jahren, in denen wir aufsuchende Jugendarbeit betreiben, ist es erst viermal vorgekommen, dass wir für Jugendliche in der Stadt die Ambulanz rufen mussten. Ich will nichts verharmlosen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Jugendlichen betrunkener sind als in den Jahren zuvor.

Und übrigens: 2010 war eines der ruhigsten Jahre, seit wir 2006 mit der aufsuchenden Jugendarbeit begonnen haben.

Was wohl mit dem schlechten Wetter zu tun hat und nicht mit gesellschaftlichen Entwicklungen.

Salzmann: Sicher spielt das Wetter mit. Interessant ist aber, dass es auch an schönen Juni- oder Juliabenden weniger Jugendliche auf der Gasse hatte.

Ich erkläre mir das so: Wenn es im Frühling viele warme Nächte gibt, bilden sich vielerorts in der Stadt Szenen, das Ganze erhält eine Dynamik, die bis im Sommer anhält. Dies war 2010 nicht der Fall. Dass es im Juni auf den Plätzen weniger Leute hatte, hat aber wohl auch mit der WM zu tun. Die Jungen trafen sich eher irgendwo vor dem Fernseher.

Dennoch: Langfristig wird das Phänomen «Trinken im öffentlichen Raum» kaum kleiner.

Salzmann: Das stimmt. Eine negative Entwicklung sehe ich aber nicht nur im Rauschtrinken an sich. Die Öffentlichkeit nimmt insbesondere die Randerscheinungen wie Littering oder Lärm wahr – und diese haben in vergangener Zeit tatsächlich stark zugenommen. Das Verhalten und der Umgangston im öffentlichen Raum der Jugendlichen wird zudem rauher. Wir beobachten, dass skrupelloser Gewalt anwendet wird.

Und das ist es genau, was den Jugendlichen einen schlechten Ruf einbringt, obwohl der Grossteil der Jungen absolut in Ordnung ist.

Wie erklären Sie sich diese negative Entwicklung?

Salzmann: Die Aussage von der Soziologin kürzlich im Tagblatt trifft es wohl ziemlich gut: Es wird für Jugendliche immer schwieriger, sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen und zu provozieren. Dazu kommt der Druck in der Schule oder der Lehre, der stetig zunimmt.

Als Ventil dient schliesslich das Trinken – und vielleicht eben auch die Provokation mit Lärm und Littering im öffentlichen Raum.

Diese Situation dürfte sich nicht so schnell verbessern – muss man die Trinktreffen im öffentlichen Raum ganz einfach akzeptieren?

Salzmann: Bei der ganzen Alkohol-Diskussion darf man die Relationen nicht verlieren.

Es sind in der Stadt auch sehr oft die jungen Erwachsenen ab 25 Jahren, die Unfug treiben, gerade bei Schlägereien sind oft Ältere involviert. Trotzdem richtet sich die Kritik meist gegen die «schlimme Jugend». Ein Stück weit ist es doch auch normal, dass Jugendliche sich die Hörner abstossen wollen und in einer Zentrumsstadt feiern. Ich würde mich mehr sorgen, wenn keine Jugendlichen mehr auf der Gasse wären. Es würde Leben fehlen in der Stadt.

Dennoch ruft die Politik nach Lösungen und Massnahmen. Was hat die offene Jugendarbeit erreicht?

Salzmann: Der Erfolg unserer Arbeit kann kurzfristig nur schwer gemessen werden. Aber wir erhalten immer wieder gute Rückmeldungen, auch seitens der Politik. Was wir sicher sagen können: Wir haben zu den Jugendlichen gute Beziehungen knüpfen können – und dies ist die beste Methode, Einfluss zu nehmen und gefährdeten Jugendlichen längerfristig zu helfen.

Gibt's konkrete Erfolgsgeschichten aus Ihrer alltäglichen Arbeit?

Salzmann: Viele Jugendliche, die ihre Wochenenden praktisch ausschliesslich auf Plätzen der Stadt verbracht haben, arbeiten nun im Team der Talhofbeiz mit. Das ist sicher ein Erfolg. Zudem konnten wir mit Gesprächen oft Einfluss nehmen und bei Jugendlichen das Verständnis wecken für Anwohner. Einige waren sich nicht bewusst, dass Lärm jemand stören könnte – hier konnten wir bei vielen etwas bewirken. Und oft können wir bei persönlichen Problemen helfen.

Viele Jugendliche nutzen den Talhof als Anlaufstelle, um über ihre Sorgen zu reden. Hier haben wir viel erreicht.

Interview: Ralf Streule





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