LAN-Party: Zwischen Monitor und Schlafsack

REPORTAGE ⋅ Rund 700 Gamer aus der ganzen Schweiz haben am Wochenende die Olma-Halle 2 in Beschlag genommen. Sie zockten sich zu Sieg oder Niederlage, zelebrierten gemeinsam ihr digitales Hobby - und tanzten sogar um die Wette.
08. Januar 2018, 05:19
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Die Frische ist aus den Gesichtern gewichen. Viele von denen, die am Sonntagmittag noch vor ihren Bildschirmen in der Olma-Halle 2 sitzen, wirken müde, abgekämpft. Auf dem Boden einer Olma-Halle schläft es sich einfach nicht gleich gut wie im eigenen Bett. Und doch versuchen es einige, kriechen in ihre Schlafsäcke – manche sogar direkt bei ihrem PC, während nebenan andere weiterspielen. Der Hauptsponsor, ein Lieferdienst, bringt die Pizza nach der Bestellung direkt an den Platz. Es ist der letzte Imbiss, bevor sich die Gamerinnen und Gamer wieder auf den Weg nach Hause und zurück in den Alltag machen.

An diesem Wochenende zocken rund 700 Gamer in der Olma-Halle 2 das um die Wette. Es ist das erste Mal, dass ein solcher Anlass in St.Gallen stattfindet. In die Stadt geholt hat ihn die Standortförderung. (Ralph Ribi)

Als die LAN-Party am Freitagabend losging, sah es noch anders aus. Zu Dutzenden standen Gamer aus der ganzen Deutschschweiz an, um in die Halle gelassen zu werden. Mit Schlafsäcken und Liegematten, mit Computer-Bildschirmen und selbst mitgebrachten Game-Stühlen. Fast wähnte man sich im Eingangsbereich eines Open-Air-Festivals, wäre da nicht die ganze Technik, die zum Teil in Rollkoffern in die Halle transportiert wurde. Im hinteren Bereich der Halle richteten die ersten ihre Nachtquartiere ein, bliesen Luftmatratzen auf, besetzten Schlafplätze. Und vorne, da war das Gewusel gross. Denn noch hatten nicht alle der knapp 700 LAN-Party-Teilnehmer ihren Platz bezogen, ihre Steckdose gefunden, ihr selbst mitgebrachtes Equipment angeschlossen. Die grellen Deckenlampen leuchteten noch.

E-Sports-Teams sind zahlreich vertreten

Die Internetverbindung funktioniert am Freitagabend nicht. Das bringt Organisator Manuel Oberholzer natürlich zum Schwitzen – denn ohne Internet, keine LAN-Party. «Wir haben aber mit Hochdruck an dem Problem gearbeitet. Bald sollte es gehen und wir können pünktlich starten», sagt er, als es zwischenzeitlich wieder besser aussieht. Wenige Minuten später kommt eine Durchsage: «Bitte überlastet das Internet nicht. Wir sind erst auf halber Stärke», sagt der Speaker. Und erntet dafür Applaus von denen, die aus Bern oder Zürich oder Basel in die Olma-Halle gekommen sind, um am Gaming-Festival teilzunehmen (siehe Zweittext). Geschätzt über 90 Prozent sind männlich und unter 35. Einige tragen Trikots von E-Sports-Teams wie Insanity, High-Five-Gaming oder Arcitic Gaming. Und viele haben Trainerhosen an. Mit Sternen oder Superhelden darauf. «Das gehört dazu, es muss bequem sein», sagt Oberholzer. Er trägt Cargohosen – und spielt an seiner eigenen LAN-Party nicht. «Ich ziehe lieber die Fäden im Hintergrund.» Irgendwann geht’s dann doch los, das grelle Deckenlicht erlischt, nur noch blaue Spots und Hunderte von Bildschirmen beleuchten die Halle. Darauf laufen Spiele wie «Counter Strike» oder «League of Legends», Taktik-Shooter oder Fantasy-Game. «Die Teilnehmer können machen, was sie wollen», sagt Manuel Oberholzer. Programm bietet der Veranstalter selbst nur wenig, abgesehen von den Turnieren.

An diesem Wochenende zocken rund 700 Gamer in der Olma-Halle 2 das um die Wette. Es ist das erste Mal, dass ein solcher Anlass in St.Gallen stattfindet. In die Stadt geholt hat ihn die Standortförderung. (Bilder: Urs Bucher)

LAN-Partys sind nicht nur zum Gamen da

«An einen solchen Anlass kommen die Leute weniger, um zuzuschauen, sondern, um selbst spielen.» Probleme gebe es eigentlich nie. «Die Community schaut aufeinander.» Und wenn es mal doch Unstimmigkeiten bei einem Turnier gebe, seien diese auch schnell wieder aus der Welt geschafft.

Eine LAN-Party ist nicht nur zum Gamen da. Das weiss auch Kaan «Creach» Bakan. Der Schaffhauser ist im Vorstand von Arctic Gaming und nimmt an fast jeder LAN-Party teil. «Ich spiele an solchen Anlässen weniger als zu Hause», sagt er. Dafür trinke er gerne mal ein Gläschen an der Bar oder spiele Gesellschaftsspiele mit Gleichgesinnten. Sein Verein ist mit über 40 Gamern angereist, insgesamt sind sieben Teams am Start. «Im ‹Counter Strike› sind wir weit gekommen», erzählt er, während er von seinem Bildschirm aufschaut. Er spielt ein Offline-Strategiespiel.

Tanzen vor dem Bildschirm

Es muss nicht immer bierernst sein, es geht nicht nur ums Gewinnen. Rund die Hälfte der Teilnehmer ist nicht nach St.Gallen gekommen, um Turniere zu gewinnen. Irgendwann am frühen Sonntagmorgen tanzen ein paar Gamer zum Konsolenspiel «Just Dance». Auch für eine improvisierte Choreografie von Ariana Grandes «Side to Side» hat es also Platz an einem dreitägigen Game-Marathon. In der Konsolen-Ecke neben dem Eingang läuft das Finale des «Call of Duty»-Turniers. Rund 20 Zuschauer haben sich auf der Couch vor dem Bildschirm versammelt. Einigen fallen die Augen zu. 48 Stunden Ekstase und Konzentration haben ihre Spuren hinterlassen. Am Nachmittag findet die Rangverkündigung statt. Noch ein Energy-Drink, noch ein Kaffee. Und dann heisst es für viele bis bald, entweder in Burgdorf an der nächsten LAN-Party im Februar, oder 2019 – wieder in der Olma-Halle.


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