Zwischen Cordon bleu und Bacalhau

PORTUGIESEN IN ST.GALLEN ⋅ Morgen steigt in Lissabon das entscheidende Spiel der WM-Qualifikation zwischen Portugal und der Schweiz. In der Stadt leben über 1000 Portugiesinnen und Portugiesen - und nicht alle wissen, wem sie die Daumen drücken sollen.
09. Oktober 2017, 06:45
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

An einem lauen Juliabend färbte sich St. Gallen vergangenes Jahr rot, grün und gelb. Der Blumenbergplatz war gedrängt voll, es wurden Fahnen geschwenkt, es wurde gehupt und gefeiert. Genau 456 Tage ist es her, dass Hunderte Portugiesinnen und Portugiesen auf St. Galler Strassen den Fussball-EM-Titel feierten.

Morgen könnte ihre «Seleção» mit einem Sieg gegen die Schweiz das direkte Ticket für die WM im kommenden Sommer lösen. Falls die Portugiesen nicht siegen, fährt die Schweiz definitiv an die Weltmeisterschaft nach Russland – und Portugal muss in die Barrage. Eine spannende Ausgangslage also. Ein Rundgang entlang der Zürcher Strasse zeigt: In der Brust vieler Portugiesen schlagen zwei Herzen. Hier, in den Quartieren Lachen und Bruggen, ist am ehesten sichtbar, dass Portugiesen in St. Gallen längst angekommen sind. In der Bäckerei Delicia gibt’s portugiesische Spezialitäten, das Café Girasol ist ein beliebter Treffpunkt. Weiter westlich, an der Kreuzung Zürcher Strasse/Erlachstrasse, gibt es in der Casa Fernandes bei Bruno Fernandes und Tania Silva portugiesische Lebensmittel zu kaufen. Und in der «Linde» vor der Fürstenlandbrücke wirtet seit über acht Jahren ebenfalls ein Portugiese.

Immer mehr Portugiesen leben in der Stadt

Ende 2016 lebten 1156 Portugiesinnen und Portugiesen in der Stadt – das entspricht rund 1,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Tendenz ist steigend: Allein in den letzten acht Jahren beträgt die Zunahme 27 Prozent. Im Lachenquartier stellen die Portugiesen inzwischen sogar die grösste ausländische Bevölkerungsgruppe: Sechs von 100 Quartierbewohnern sind Portugiesen. Im Lachenquartier befindet sich auch der Elternverein der Portugiesischen Schule. «Hier leben viele Portugiesen», sagt Tatiana Cardoso, die im Vorstand des Vereins mitwirkt. Das liege mitunter daran, dass sich in den 1990er-Jahren ein grosser Klub in der Lachen befand. Dieser schloss später, hinterliess aber seine Spuren. So gab es bis vor einigen Jahren noch einen eigenen portugiesischen Fussballverein, der seine Spiele jeweils auf der Kreuzbleiche austrug.

«Vieles ist verschwunden, als die erste Einwanderergeneration Ende der 1990er-Jahre wieder nach Portugal zurückgekehrt ist», sagt Cardoso. Die meisten portugiesischen Einwanderer seien damals ohnehin nur zum Arbeiten in die Schweiz gekommen und danach auch möglichst schnell wieder zurückgekehrt. Heute sei das aber anders. Und so baue die neue Generation von portugiesischen Einwanderinnen und Einwandern ein neues Netz an Klubs, Geschäften und Restaurants auf. Der Elternverein sei zum Beispiel noch relativ jung. «Er wurde gegründet, als der Portugiesischen Schule vor einigen Jahren die Schliessung drohte», sagt Cardoso.

Vor 30 Jahren als Küchenhilfe in die Schweiz gekommen

Jose Oliveira lebt seit fast drei Jahrzehnten in der Schweiz. «Am 1. Dezember sind es genau 30 Jahre», sagt der Wirt des Restaurants Linde. Hier, nur einen Steinwurf von der Fürstenlandbrücke entfernt, wirtet Oliveira gemeinsam mit seiner Frau seit 2009. Wer die «Linde» betritt, merkt sofort, dass hier zwei Welten ineinander verschmelzen. An der Querverstrebung der Decke sind zwei Schals angebracht: links ein portugiesischer und rechts ein schweizerischer. Wer soll am Dienstag gewinnen? «Ich bin gespalten», sagt Oliveira und lacht. Wahrscheinlich werde er beiden Teams die Daumen Drücken – je zu 50 Prozent. Als Küchenhilfe kam der Wirt aus der nordportugiesischen Stadt Guimarães in die Schweiz – heute führt er seine eigene Beiz. Seine Herkunft kehrt er, trotz Kegelbahn im Anbau und Fondue chinoise auf der Speisekarte, nicht unter den Teppich. «Wir bieten hier genauso Bacalhau com Pipos wie auch Cordon bleu an.» Ersteres allerdings nur auf Anfrage und mit Vorreservierung, weil der Stockfisch-Kartoffel-Gratin grossen Aufwand verlangt.

Als Oliveira in die Schweiz kam, lebten noch deutlich weniger Portugiesen hier. Auch an lusitanische Lebensmittelläden oder Bars war damals noch nicht zu denken. «Das ist erst in den letzten zehn Jahren aufgekommen», sagt der Wirt. Mit der Aufhebung von Kontingenten habe es einen Schub gegeben, und aus Saisonniers wurden Stadtbewohner. Viele von ihnen werden Portugal – Schweiz mit zwei Herzen in ihrer Brust verfolgen.


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