St. Gallen ist eine fortschrittliche Stadt, in der es sich gut leben lässt

Zufrieden und gelassen die Zukunft gestalten

04. Januar 2018, 07:59
Daniel Wirth

Die 36-jährige Geografin und Ökonomin Sonja Lüthi ist ab übermorgen die erste Grünliberale St. Galler Stadträtin. Die CVP dagegen ist seit der Stadtverschmelzung vor 100 Jahren erstmals nicht mehr im Stadtrat vertreten. Werden die Einwohnerinnen und Einwohner der grössten Ostschweizer Stadt von diesem politischen Erdbeben kräftig durchgeschüttelt? Nein. Nicht ein Glas wird deswegen aus der Vitrine fallen. Aber: Mit Sonja Lüthi wird der Stadtrat jünger und weiblicher. Das ist im Sinne der Mehrheit der Stimmberechtigten. Sonja Lüthi übernimmt vom verstorbenen Nino Cozzio die Direktion Soziales und Sicherheit. Die anderen vier Mitglieder des Stadtrats, von denen lediglich zwei mehr als eine ganze Legislatur auf dem Buckel haben, behalten ihre Direktion. Für Konstanz in der Exekutive ist bis 2020 gesorgt. Was nicht heisst, dass dem Fortschritt abgesagt werden darf. Lethargie-Gefahr besteht auch nicht.

Die laufende Entwicklung der Gebiete St. Fiden und Bahnhof Nord unter Einbezug der Bevölkerung, die geplante Expansion der Universität ans Platztor am Rand der Altstadt, der dritte Anlauf zur Neugestaltung von Marktplatz, Bohl und Blumenmarkt, die Fertigstellung von Bahnhof- und Kornhausplatz samt Installation des Lämmler-Brunnens – es geht etwas in St. Gallen, der Fortschritt macht nicht halt! Die Bauverwaltung hat viel zu tun. Sie setzt in der Arealentwicklung auf Partizipation; diesen eingeschlagenen Weg sollte sie konsequent weitergehen.

In der Energiepolitik haben die Stimmberechtigten der Stadt die Weichen gestellt: Mit einem Ja-Stimmen-Anteil von über 80 Prozent haben sie vor gut einem Monat einem Kredit über 65 Millionen Franken für den Ausbau des Fernwärmenetzes Richtung Osten zugestimmt. Das beweist: Die St. Gallerinnen und St. Galler stehen hinter dem Energiekonzept 2050 des Stadtrates. Eine Abkehr von fossilen Brennstoffen hin zur erneuerbaren Energiequellen ist fortschrittlich. Eine Reduktion von Kohlenstoffdioxid verbessert die Luft- und damit die Lebensqualität nachhaltig – das wissen die Einwohner der Gallusstadt und sie lassen sich das auch einiges kosten trotz des Scheiterns der Geothermie.

Mit dem Reglement für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung wurde dem Stadtrat vom Stadtparlament und der Mehrheit der Stimmberechtigten das Steuerrad in der Verkehrspolitik in die Hand gegeben. Der Stadtrat weiss um diese Verantwortung und lässt sich seit 2011 nicht abbringen von diesem Pfad, auf dem die Regel gilt: Plafonierung des motorisierten Individualverkehrs, Auffangen des steigenden Verkehrsaufkommens mit dem öffentlichen und dem Langsamverkehr. Die jährlich publizierten Verkehrszahlen zeigen: Stadtrat und Tiefbauamt sind exakt auf dem Kurs, der ihnen von der Mehrheit des Stimmvolks vorgegeben wurde. Am 4. März 2018 wird über die Mobilitäts-Initiative abgestimmt. FDP, SVP und Teile der CVP wollen das Verkehrsreglement aufweichen zu Gunsten des motorisierten Individualverkehrs. Das Volksbegehren ist der akuten Gefahr ausgesetzt, an die Wand gefahren zu werden. Es entspricht nicht dem Zeitgeist, der auf Fortschritt steht.

Ein verkehrspolitischer Quantensprungdagegen sind der Bau einer dritten Autobahnröhre durch den Rosenberg und eine Teilspange via Güterbahnhof hinauf zur Liebegg an der Grenze zum Appenzellerland. Für beide Bauvorhaben steht die Planungsampel derzeit auf Grün. In St. Gallen wird (zu) häufig über Parkplätze und Staus diskutiert. Demnach gibt’s keine grösseren Probleme! St. Galler, die innerorts einmal einen richtigen Stau erleben möchten, müssen nicht nach São Paulo oder Peking, schon im Seedorf Goldach brauchen Autofahrer deutlich mehr Geduld als in St. Gallen.

Die Mehrheiten im Stadtparlament und im Stadtrat haben sich nach links verschoben. Das interessiert das Gros der Einwohnerinnen und Einwohner nur mässig. Es interessierte sie mit Sicherheit stärker, wenn hier vieles im Argen läge. Das tut es freilich nicht. St. Gallen ist eine fortschrittliche Stadt, in der es sich gut leben lässt. Im nächsten Jahr wird die ausserfamiliäre Tagesbetreuung für Kinder an den Schulen in der Stadt ganzflächig ausgebaut. Das ist ein Fortschritt und macht die Stadt als Wohn- und Arbeitsort für junge Familien, in denen Vater und Mutter arbeiten wollen - oder arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen - attraktiver als sie heute schon ist.

Gerade weil es sich in St.Gallen gut leben lässt, kann die Zukunft mit Gelassenheit gestaltet werden. Die Politikerinnen und Politiker diskutieren im Parlament über Details bei der Pflästerung der Altstadtgassen und über die Zusammenlegung der Spitex-Organisationen. Und Einwohnerinnen und Einwohner echauffieren sich über die Höhe der neuen Bushaltestellen auf dem Bahnhofplatz. Das sind schlicht keine ernsthaften Probleme angesichts folgender Tatsachen: das Strassennetz ist bestens ausgebaut, der öffentliche Verkehr funktioniert, die Geriatrische Klinik wird modernisiert, das Kantonsspital wird erweitert und das Ostschweizer Kinderspital neu gebaut. Es gibt viele Gründe, in der Stadt St. Gallen glücklich zu sein. Heute schon.

Auch das kulturelle Angebot in St.Gallen ist mannigfaltig. Ende Juni kommen Depeche Mode ans Openair. Wem die Briten nicht gefallen, findet viele Alternativen in der Stadt: im Palace, in der Grabenhalle, im Theater und an seinen Festspielen, in den Museen. Hier gibt die Politik zum Teil den Rahmen vor mit Subventionen. In der Verantwortung stehen aber gewiefte Kulturprofis und engagierte Freiwillige. Sie machen die Stadt lebenswert.

Fortschritt ist gut. Traditionen sind es auch. Viele St. Galler interessiert ungemein, wann diesen Sommer das Kinderfest stattfindet. Oder ob beim ältesten Fussballclub des europäischen Festlands der Hüppi-Effekt in der Rückrunde Wirkung zeigt und ob Tranquillo Barnetta noch einmal Bundesliga-Niveau erreicht. Tradition hat auch die Olma. Ob sie die grösste stützenfreie Messehalle der Schweiz auf einem Betondeckel über der Autobahn A1 bauen kann, wer weiss? Aber eines ist sicher: Die Olma findet statt! Das allein schon macht viele St. Galler zufrieden. Zufriedenheit ist kein Laster, Zufriedenheit ist eine Tugend. Auf ihr lässt sich die Zukunft bauen.

Daniel Wirth

daniel.wirth@tagblatt.ch