Zu wenig Notfallplätze für kranke Igel

ST.GALLEN ⋅ In St.Gallen fehlt seit 2005 eine Igelstation. Seither wurden die kranken Tiere aus St.Gallen nach Kreuzlingen gebracht. Dies ist aber nicht mehr möglich. Diesen Winter werden die Igel vom Voliere-Team betreut.
04. Januar 2018, 09:19
Christoph Renn

Christoph Renn

christoph.renn@tagblatt.ch

Erstmals seit über zehn Jahren werden in St.Gallen wieder Igel gepflegt und überwintert. Mitarbeiterinnen der Voliere St. Gallen päppeln im Pfauengässlein die unterernährten und von Würmern befallenen Tiere wieder auf. Doch ist dies nur eine Notlösung. Denn bis zum vergangenen Winter wurden alle kranken Igel aus St. Gallen in die Pflegestation in Kreuzlingen gebracht. Doch diese wurde nach dem Tod der Igelmutter Rosemarie Schmitz im vergangenen Jahr aufgelöst. Einen Ersatz gibt es bisher noch nicht.

Für diesen Winter konnte mit der Voliere St.Gallen zwar eine Übergangslösung gefunden werden. Doch gibt Präsident Christian Müller zu, dass die Mitarbeiterinnen der Voliere weder über das nötige Know-how noch über genügend Platz verfügen, um eine ständige Station zu führen. «Die Pflege der Igel ist sehr aufwendig», sagt er. Und die Voliere sei mit den hilfsbedürftigen Vögeln eigentlich mehr als ausgelastet. Deshalb fordert er: «Für den kommenden Winter muss eine neue Lösung her.» Denn auch in der Wildvogelpflegestation im Naturmuseum fehle der Platz. Bisher ist noch keine Lösung in Sicht. Einige Projekte seien in der Pipeline, aber noch nicht Spruchreif, wie Elsi Heierli, Präsidentin des Ostschweizerischen Igelfreunde-Vereins, sagt.
 

In der Ostschweiz gibt es nur wenige Igelstationen

Nach der Auflösung der Igelstation in Kreuzlingen ist in der Ostschweiz laut Heierli eine riesige Lücke entstanden. Im Kanton St.Gallen gebe es nur noch zwei Stationen in Nesslau und in Mels. Die Suche nach engagierten Leuten und den passenden Räumlichkeiten sei sehr schwierig. «Der Betrieb einer Station ist meistens ehrenamtlich.» Zusammen mit dem Naturschutzverein Stadt St.Gallen und Umgebung (NVS) suche Heierli deshalb verzweifelt nach Lösungen. Vor rund zehn Jahren stand ein Projekt kurz vor seiner Vollendung. Eine Interessengemeinschaft um Christian Müller wollte im Stadtpark den Pavillon umbauen. Doch sowohl Heierli als auch Robert Schmid, Präsident des NVS, stellten sich dagegen. Deshalb gibt es in St.Gallen seit 2005 keine Pflegestation mehr. Die kranken Tiere müssen aber nicht ohne Hilfe überwintern.

Neben der Notfalllösung im Pfauengässlein betreibt der NVS eine Notfallnummer unter 071-277-19-68. «Wir geben Tipps, nehmen die Tiere auf und bringen sie in eine Station in der Umgebung», sagt Schmid. Doch nicht immer brauchen die Igel auch die Hilfe der Menschen. «Oft setzt bei den Menschen der Jöö-Effekt ein, wenn sie ein Tier finden.» Doch wenn die Tiere weder krank noch unterernährt seien, sollte man sie nicht stören.
 

Pflegestationen sind nicht unbestritten

In St.Gallen könnte also bereits im kommenden Winter wieder eine Pflegestation betrieben werden. Doch nicht alle sind von dieser Art der Hilfe für die Igel überzeugt. «Das ist ein sehr emotionales Thema», sagt Jonas Barandun, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Naturmuseum. Es gebe keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass die Igel nach ihrer Pflege in Freiheit überleben könnten. Klar sei hingegen, dass die Tiere in der Stadt Mühe haben und es immer weniger werden. Doch müsste man ihnen nicht nur beim Überwintern helfen, sondern auch ihre Lebensbedingungen verbessern.