Lärmtest: Gutenachtmusik für Fuchs und Hase

WEIHERN-FESTIVAL ⋅ Acht Lärmklagen gingen nach dem letztjährigen Weihern-Festival ein. Trotz teils gehässigen Diskussionen läuft in diesen Tagen die siebte Ausgabe des Open-Airs. Wie laut ist die Party wirklich?
17. September 2017, 07:13
Martin Oswald

Kurt Tucholsky schrieb einst: «Lärm ist das Geräusch der anderen.» In Gesetzestexten wird Lärm heute als «unerwünschter Schall» definiert und enthält somit neben einer biophysikalischen und medizinischen auch eine subjektive Komponente. Beim Weihern-Festival darf der musikalische «Lärm» 93 Dezibel nicht überschreiten. Das ist mit der Lautstärke eines Rasenmähers vergleichbar. So viel zur Theorie. Mit einer Dezibel-Mess-App und zwei subjektiven Ohren geht’s auf einen Rundgang, nah und ferner des Festgeländes im Familienbad Drei Weiern.

Sommernachts-Idylle mit Gitarrenklängen

Die Lärm-App zeigt rund 300 Meter von der Festivalbühne entfernt 78 dB an.

Die Lärm-App zeigt rund 300 Meter von der Festivalbühne entfernt 78 dB an.

«Komm Leika, weiter geht’s.» Eine ältere Frau spaziert strammen Schrittes mit ihrem Hund auf der Südseite um den Familienweiher. Von hier aus hat man einen malerischen Blick über das Wasser, direkt Richtung Bühne. Diese wurde nach den Lärmklagen im Vorjahr noch stärker Richtung Wald abgedreht. Die deutsche Sängerin Sarah Lesch ist von Auge kaum mehr zu erkennen, aber ihren Songs kann man dennoch wunderbar lauschen. Ihre Stimme und Gitarre beschallen den Freudenberg-Wald. Er ist so gross wie 60 Fussballfelder. Verschiedene Wege und Grillplätze in unmittelbarer Nähe der Stadt machen diesen Ort zum perfekten Naherholungsgebiet. Der Blick auf das Messgerät zeigt 78 Dezibel. In diesen Tagen dürften sich Fuchs und Hase etwas später gute Nacht sagen – die Musik ist im ganzen Wald gut zu hören.

Bei Anwohnern auf dem Balkon

420 Meter Luftlinie entfernt stehen vier neue Mehrfamilienhäuser am Dreilindenhang. Sichtbeton, heller Parket, grosse Fenster mit Blick über die ganze Stadt. Christian und Nancy stehen auf ihrem Küchenbalkon und blicken in Richtung Festivalbühne, die nicht zu sehen, aber ganz leise zu hören ist. Das Messgerät zeigt 60 Dezibel an.

Auf Dreilinden findet dieses Wochenende eine weitere Austragung des Weihern-Festival statt. Die Bilder in unserer Galerie.

«Ich fände es schön, wenn wir hier noch etwas von der Musik mitkriegen würden», meint Nancy. Ihr Mann ergänzt lachend: «Schlafen wird bei diesem Geräuschpegel definitiv kein Problem sein.» Die Ohren mit der Hand zur Muschel geformt, ist der Rhythmus eines Schlagzeugs zu hören. Kaum sind die modernen Fenster geschlossen, ist nichts mehr vom Festival zu hören. Das leise Summen kommt aus der Geschirrspülmaschine.

Der Wind trägt den Basston über die Stadt

Weitblick über die Stadt geniesst man auch auf dem gegenüberliegenden Hügel in Rotmonten. Im Einfamilienhaus-Quartier unterhalb vom Wildpark Peter und Paul zeigt das Messgerät 70 Dezibel an. Man hört das Rauschen der Strassen in der Stadt unten, irgendwo bimmeln Kuhglocken, eine Garagentür knallt zu. Von hier zur Bühne sind es zwei Kilometer Luftlinie. Mit geschlossenen Augen und etwas gutem Willen ist eine Basslinie aus Richtung Drei Weihern zu hören. Der sanfte Südwestwind trägt gerade ein Stück der Band Troubas Kater hierher. Festivallärm? Fehlanzeige. Ausser man hält es grundsätzlich mit Tucholsky: „Lärm ist das Geräusch der anderen.»

Ob Musik Lärm ist, entscheidet die Polizei

Von Donnerstag bis Sonntag steigt auf Dreilinden das Weihern Festival. Alles andere als eine Selbstverständlichkeit, nach dem wochenlangen Hickhack zwischen Stadt und Veranstalter diesen Sommer: Nachdem die Stadt Empfehlungen für «Lärmschutzziele» formuliert hatte, lief der Veranstalter Sturm: OK-Chef Dario Aemisegger bliess das Open Air ab und kündigte eine Verlegung in die Grabenhalle an. Kurz darauf rief er gar eine «Revolution gegen das Bünzlitum» aus. Nur: Die Stadt wollte ihre Empfehlungen auch als solche Verstanden wissen. Es handle sich um keine verbindlichen Auflagen. Nach einem klärenden Gespräch beantragte der Veranstalter trotzdem eine Bewilligung für das Open-Air im Familienbad Dreilinden, die er dann auch erhielt.

Anlass für die Empfehlungen der Stadt waren unter anderem acht Lärmklagen beim Festival vom Vorjahr. Um dem vorzubeugen wird die Bühne dieses Jahr anders ausgerichtet. Und wenn es doch wieder zu Lärmklagen kommt? «Wenn es einem Anwohner zu laut ist, muss die Situation vor Ort beurteilt werden», sagt Roman Kohler, Sprecher der Stadtpolizei. Die Polizei und das Amt für Umwelt und Energie würden dann abschätzen, ob es der Lärm beispielsweise tatsächlich verunmöglicht, bei geschlossenem Fenster zu schlafen. Damit würde es sich um eine berechtigte Lärmklage handeln. (jw)


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