Vorspiel zum grossen Jubiläum

REFORMATION ⋅ Seit 1951 wird in St.Gallen der Tag des Heiligen Gallus gefeiert. Am Montagabend stand dabei jemand im Vordergrund, der seinerzeit das aus der Zelle des Eremiten gewachsene Kloster in Bedrängnis brachte.
18. Oktober 2017, 05:21
Reto Voneschen

Reto Voneschen

reto.voneschen@tagblatt.ch

Am 16. Oktober 1951 wurde in St.Gallen die «1300-Jahrfeier zum Tode des Heiligen Gallus» begangen. Daraus hat sich die Tradition entwickelt, den Gallustag jährlich zu feiern. In der Kathedrale findet am Vormittag ein Festgottesdienst mit Bischof und Gästen statt. Vorgestern Montag stand Bischof Markus Büchel sein Feldkircher Amtskollege Benno Elbs zur Seite.

Am Abend des Gallustages lädt die Stadt zum Vortrag ein. Dass es darob zu politischen Diskussionen kommt, ist allerdings nicht üblich, kam aber 2016 vor. Der ehemalige Kantonsingenieur Urs Kost hatte am Anlass ein Loblied auf die Stadtautobahn gesungen – das Referat wurde von Politikern mindestens so verstanden: Sie reichten einen Vorstoss ein.

Der Heilige und der Reformator

So etwas wird ob der aktuellen Gallusfeier kaum passieren. Dass zum Namenstag eines katholischen Heiligen ausgerechnet Vadian im Zentrum stand, dürfte kaum jemandem mehr sauer aufstossen. Für die überwältigende Mehrheit der Städterinnen und Städter gehört der Reformator zur Stadtgeschichte genau wie Eremit Gallus, dessen Klause der Legende nach die Keimzelle von Kloster und Stadt gewesen ist.

Die Konfrontation des Heiligen mit dem Reformator dürfe heute kein Prob­lem darstellen, sagte auch Stadtpräsident Thomas Scheitlin in seiner Ansprache. Der Kulturkampf des 19. und 20. Jahrhunderts sei überwunden. Und Gallus wie Vadian seien als historische Figuren mitverantwortlich, dass es der Stadt heute gut gehe. Und das sei nicht unwichtig. Was Vadian im 16. Jahrhundert gesagt habe, gelte im übertragenen Sinn eben immer noch: Wer nicht viel hat, gilt auch nicht viel. Nur wer als Stadt etwas bieten könne, wer innovativ und erfindungsreich sei, habe eine Chance auf eine erfolgreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft. So sei der Grundstein für den heutigen Wohlstand vor 500 Jahren gelegt worden, sagte Thomas Scheitlin.

Miteinander und nicht gegeneinander

Die alltägliche Koexistenz mit der Fürstabtei, die St.Gallen un­ter Vadian zum Nutzen beider Seiten pflegte, nahm der Stadtpräsident zum Anlass für einen Appell. Zukunftsfragen könne man nur miteinander lösen. Das Miteinander in der Stadtgemeinschaft und mit externen Partnern bleibe ein zentraler Faktor zur erfolgreichen Bewältigung der Zukunft. Der Trend laufe aber teils in eine andere Richtung. Abgrenzung und Maximierung des Eigennutzes stünden zu oft im Vordergrund. Das seien keine zukunftsträchtigen Strategien, das führe in die Sackgasse, zeigte sich Thomas Scheitlin überzeugt.

Im Zentrum der städtischen Gallusfeier stand dann ein Vortrag von Rudolf Gamper. Der ehemalige Bibliothekar der Vadianischen Sammlung sprach auf der Grundlage seiner neuen Biografie über die Rolle Vadians bei der Reformation in St.Gallen. Der Band hat am Samstag, 28. Oktober, in St. Laurenzen seine Vernissage (siehe Kasten).


Leserkommentare

Anzeige: