US-Amerikaner sucht seine St.Galler Verwandten

WURZELN ⋅ Vor 120 Jahren wanderte die Familie Stäheli von St. Gallen in die USA aus. Tom Staly aus Washington rekonstruiert die Familiengeschichte auf seinem Blog.
08. Dezember 2017, 07:38
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

stadtredaktion@tagblatt.ch

«Mein Vater behauptete immer, wir hätten keine interessante Familiengeschichte», sagt Tom Staly aus Washington. Als Staly allerdings vor zehn Jahren anfing, seine Familiengeschichte zu erforschen, stiess er auf zahlreiche Dokumente, Tragödien und Erfolge der Familie Stäheli, die vor 120 Jahren von Gübsenmoos in der damaligen Gemeinde Straubenzell in die USA ausgewandert war. Heute leben die Staehelis oder Stalys – wie die angepasste englische Schreibweise lautet – auf der ganzen Welt verteilt. Tom Staly sammelt auf seinem Blog «thestahelifamilyofgubsenmoos» alle Informationen, die er über seine Vorfahren und deren Nachfahren herausfindet.

Die Besitzer des Kubel-Grundstückes

Für seine Recherchen ist der mittlerweile pensionierte Lehrer mehrmals in die Schweiz gereist, hat Archive durchforstet und Orte besucht, an denen seine Vorfahren lebten. «Mein Antrieb ist zu verstehen, wer ich in Bezug auf Immigrationsströme in die USA bin», sagt er. Nebst seinem Blog betreibt er auch eine Facebook-Seite für die jüngeren Stähelis. «Meine Kinder und Grosskinder sollen wissen, wovon ich in ihrem Alter keine Ahnung hatte», sagt er.

Die Auswanderungsgeschichte beginnt im Jahr 1898. Damals wanderte Caspar Stäheli, der älteste Sohn von Albert und Maria Stäheli, im Alter von 19 Jahren von Straubenzell in die USA aus. Er ermutigte den Rest der Familie, ihm zu folgen. Bereits ein Jahr später war es so weit: Das Unternehmen Kubel kaufte das Grundstück der Familie Stäheli, um am Rande von St. Gallen eines der ersten Wasserkraftwerke der Schweiz zu bauen. Durch die Produktion des Elektrizitätswerks Kubel konnte der rasch steigende Strombedarf der ganzen Region St. Gallen gedeckt werden. Mit dem Geld konnte die Familie die Schiffsfahrt bezahlen und in Addy im Bundesstaat Washington eine Farm aufbauen.

Verwandte in St. Gallen

Heute leben die meisten Stähelis wie auch Tom Staly im Staat Washington. Einige Familien habe es allerdings auch nach Wisconsin, Kalifornien, Australien, Tasmania und sogar zurück in die Schweiz gezogen. In St. Gallen vermutet er noch weitere Verwandte. Sein Urgrossvater hatte eine Schwester und zwei Brüder, die in St. Gallen blieben.

Die Schweiz bereist Tom Staly zusammen mit seiner Frau. Nebst der Recherche zu seinen Vorfahren interessiert ihn dabei auch, die Eigenheiten der Schweiz kennenzulernen. Schweizer seien freundlich, fortschrittlich, geschäftstüchtig und fleissig, erfinderisch und hilfsbereit, sagt er. Diese Eigenschaften würden sich sowohl in Städten wie auch ländlichen Gegenden und der Infrastruktur widerspiegeln. Und natürlich falle sofort die Ordnung und Sauberkeit im ganzen Land auf. Vor allem fasziniere ihn aber die Sprachenvielfalt in einem so kleinen Land.

Tom Staly weiss nicht, wann er das nächste Mal in die Schweiz reist. Mit seinen bisherigen Recherchen hat er einen grossen Teil der Geschichte rekonstruiert. Seine Arbeit hat auch dazu geführt, dass sich die verschiedenen Stalys aus verschiedenen Landesteilen der USA regelmässig treffen, um sich über vergangene und anstehende Ereignisse auszutauschen. Diese aktuellen Ereignisse werden auch auf der Facebook-Seite dokumentiert. Auch für Aussenstehende ist es interessant, in dieser Familiengeschichte zu stöbern und die heutigen Ereignisse mit jenen von vor 120 Jahren zu vergleichen.

Die Geschichte des ältesten Sohns Caspar, der erste Auswanderer der Familie, endet traurig: er starb im Alter von 22 Jahren an Typhus. Auch sein Vater Albert Stäheli fand nicht das erhoffte Glück. Er erschoss sich, nachdem seine Farm abgebrannt war, und hinterliess seine Frau und acht Kinder. So spannend und erfolgreich die Auswanderergeschichte aus heutiger Sicht erscheint, so hart und frustrierend muss der Alltag in den Anfangsjahren gewesen sein.


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