Von der Fernwärme abgehängt

KRITIK ⋅ Die Stadt will das Fernwärmenetz für 65,5 Millionen Franken nach Osten ausweiten. Die Gebäude auf den Hügeln werden aber nicht erschlossen. Das sei ungerecht, findet Dieter Fröhlich. Er wirft der Stadt zudem vor, unvollständig zu informieren. Die Stadt kontert.
09. November 2017, 06:25
David Gadze

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Mit den sinkenden Temperaturen steigt der Wärmebedarf der städtischen Haushalte und Bürogebäude. Einen Teil davon deckt das ganze Jahr über die Abwärme aus dem Kehrichtheizkraftwerk, die ins städtische Fernwärmenetz gespiesen wird. Dadurch werden jährlich 7,5 Millionen Liter Heizöl eingespart. Das entspricht einer Kolonne von 473 Tanklastwagen. Bis 2022 will die Stadt St. Gallen diese Menge verdoppeln, indem sie das Fernwärmenetz in die östlichen Quartiere ausbaut. Es ist eine der wichtigsten Massnahmen aus dem Energiekonzept 2050, um den Anteil nicht erneuerbarer Energien zu senken.

Am 26. November stimmen die Bürgerinnen und Bürger über den Kredit von 65,5 Millionen Franken ab – fast auf den Tag genau sieben Jahre nach der Abstimmung zur ersten Ausbauetappe des Fernwärmenetzes und zum Bau eines Geothermie-Kraftwerks, welches später mangels Wassers im Untergrund des Sittertobels aufgegeben werden musste. Damals sagten knapp 83 Prozent der Stimmbeteiligten Ja. Auch die zweite Ausbauetappe ist grösstenteils unbestritten. Eine breite Opposition gegen das Projekt gibt es nicht, auch bei der Diskussion der Vorlage im Stadtparlament waren bloss einzelne kritische Stimmen zu hören. Solche tauchen nun auch in den sozialen Medien auf. So wettert etwa Dieter Fröhlich, FDP-Kantonsratskan­didat und ehemaliger Präsident des FC St. Gallen, auf Facebook gegen die Abstimmungsvorlage und ruft dazu auf, gegen den Kredit zu stimmen.
 

Eine ungerechte Verteilung

Er habe kürzlich die Heizung in seinem Haus ersetzen wollen, sagt Fröhlich, der an der Dufourstrasse wohnt. Als er bei den Stadtwerken wegen eines Anschlusses ans Fernwärmenetz angefragt habe, sei ihm mitgeteilt worden, dass dies in jenem Teil der Stadt nicht möglich sei. Seine Motivation, den Ausbau des Fernwärmenetzes zu bekämpfen, sei jedoch nur teilweise der Tatsache geschuldet, dass er persönlich betroffen sei. «Ich würde mich auch aufregen, wenn ich im Tal wohnen würde.»

Als Grund für seinen Widerstand nennt Fröhlich «Ungerechtigkeit». Es könne doch nicht sein, dass bei einer so zukunftsgerichteten Vorlage nur ein Teil der Einwohnerinnen und Einwohner vom Ausbau profitiere – und dann ausgerechnet die Einwohner in der Talsohle, während jene auf den Hügeln, welche am meisten Steuern zahlen und somit den Grossteil des Ausbaus finanzieren, in die Röhre schauen müssten. Das sei stossend. «Wenn es nicht allen offensteht, ist es wohl die falsche Energiequelle.» Zudem sei er erstaunt, dass selbst das Stadtparlament dieser Vorlage so wohlwollend gegenüber gestanden sei, nachdem die Stadt mit der Geothermie so viel Geld in den Sand gesetzt habe.

Fröhlich geht mit seiner Kritik noch weiter. In seinem Facebook-Beitrag wirft er der Stadt auch vor, ungenügend zu informieren. «Nur die wenigsten» würden wohl wissen, dass das geplante Ausbauprojekt die Einwohner auf den Hügeln von der Fernwärme ausschliesse, schreibt er.
 

Weniger dicht besiedelte Gebiete eignen sich nicht

Die Stadt legt allerdings auf einer doppelseitigen Grafik in der Mitte des Abstimmungsbüchleins klar dar, welche Gebiete in der zweiten Ausbauetappe ­erschlossen werden sollen. Ausserdem erläutert sie, warum gewisse Stadtteile erschlossen werden und insbesondere die Wohngebiete auf den Hügeln eben nicht: Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit würden vor allem grosse Gebäudekomplexe mit hohem Wärmebedarf oder Gebiete mit hoher Bebauungsdichte bevorzugt. In weniger dicht besiedelten Gebieten, etwa auf den Hügeln, setzt die Stadt stattdessen auf Wärmepumpen mit Erdsonden oder auf Blockheizkraftwerke, die ganze Überbauungen mit Wärme und Energie versorgen können. Ausserdem würde die zur Verfügung stehende Menge der Abwärme nicht ausreichen, um die ganze Stadt mit Fernwärme zu versorgen. Es müssten weitere Fernwärmezentralen erstellt werden, mit denen fossil zugeheizt würde. Da sich dadurch das Verhältnis von erneuerbaren und nicht erneuerbaren Energien verschlechtern würde, verzichtet die Stadt darauf.

Und: Der Ausbau wird nicht durch Steuergelder finanziert. Der Kredit von 65,5 Millionen Franken geht zu Lasten der Investitionsrechnung der Stadtwerke und soll durch Einnahmen aus dem Verkauf der Fernwärme wieder amortisiert werden – also durch Beiträge jener, welche sie beziehen. Er sei «skeptisch, dass das retour kommt», sagt wiederum Dieter Fröhlich dazu.


Leserkommentare

Anzeige: