VBSG: Sinkende Passagierzahlen spalten St.Galler Politik

ST.GALLEN ⋅ Die rückläufigen Passagierzahlen der Verkehrsbetriebe beschäftigen Parteien und Verbände: Bürgerliche sprechen von verfehlter Verkehrspolitik, das links-grüne Lager dagegen ortet ungenutztes Potenzial.
28. September 2017, 19:23
Luca Ghiselli
Die Busse der Verkehrsbetriebe St. Gallen (VBSG) transportieren seit 2013 immer weniger Passagiere. Während die Verantwortlichen der Stadt über die Gründe für den Passagierschwund nur mutmassen können, interpretieren Parteien und Verkehrsverbände der Stadt die sinkenden Zahlen auf unterschiedliche Weise.

Doris Königer, Co-Präsidentin des VCS St. Gallen-Appenzell, und SP-Stadtparlamentarierin, sagt auf Anfrage, die Rahmenbedingungen müssten sich weiter verbessern, damit der Trend bei den Passagierzahlen bald wieder in die andere Richtung zeigt. «Viele nehmen den Bus nicht 
als ideales Fortbewegungsmittel wahr». Zu unbequem seien die Fahrten im Bus, zu schlecht die Umsteigemöglichkeiten von Velo auf Bus, zu wenig ausgebaut die Eigentrassierungen. In den Quartieren gebe es zudem immer noch zahlreiche Haltestellen ohne Sitzgelegenheit oder Wetterschutz. Das seien mitunter Gründe zum Umsteigen. Es gebe immer mehr Personen, die sich lieber mit dem E-Bike von A nach B bewegten statt mit dem Bus. 


Mobilität ist schwierig zu steuern

Roger Dornier, Fraktionspräsident der FDP im Stadtparlament, liest die rückläufigen Zahlen anders. «Es ist für mich ein Zeichen, dass es illusorisch ist, den Mehrverkehr auf städtischer Ebene auf den ÖV umzulagern.» Das sei zwar erstrebenswert, aber die Entwicklung im motorisierten Individualverkehr mache deshalb nicht Halt. «Das wird den ÖV in den kommenden Jahren herausfordern. Und das heisst, dass auch die VBSG wesentlich innovativer werden müssen», sagt Dornier. Die Mobilität sei schwierig zu steuern und zu planen. Alle Verkehrsträger sollten deshalb miteinander agieren und nicht gegeneinander ausgespielt werden. Mit Verweis auf die Mobilitäts-Initiative, die im März 2018 vors Volk kommt und verlangt, dass auch der Autoverkehr in der Stadt wieder wachsen darf, sagt Dornier: «Der Widerstand gegen dieses Vorhaben lässt leider auf wenig Bereitschaft diesbezüglich hoffen.» Er rufe die autokritischen Kräfte einmal mehr auf, die ideologischen Scheuklappen abzulegen und in einen echten Dialog zu treten, sagt Dornier. 


Strassennetz hat noch Kapazität

Karin Winter-Dubs, Fraktionspräsidentin der SVP, schlägt ähnliche Töne an. «Die Zahlen sind ein Indiz dafür, dass sich der Bürger nicht umerziehen lässt.» Verkehrsteilnehmer würden jenes Fortbewegungsmittel benutzen, das ihnen am meisten Vorteile biete. «Man müsste aber die Zahlen vertieft analysieren», sagt Winter-Dubs. So lange nicht klar sei, wie es mit andern ÖV-Anbietern in der Stadt genau aussehe, liessen die Zahlen der VBSG kaum Schlüsse zu. 
«Sinkende Passagierzahlen der VBSG sind nur dann ein Problem, wenn gleichzeitig der Autoverkehr zunimmt», sagt Stadtparlamentarier Basil Oberholzer (Junge Grüne). Das sei aber aktuell nicht der Fall. Und deshalb sieht Oberholzer in der Statistik vor allem eines: «Sie zeigt, dass es weiterhin Kapazitäten auf unserem Strassennetz, insbesondere im ÖV, gibt.» Und diese gelte es zu nutzen, statt neue Strassen zu bauen. «Im Stadtbus hat es Platz für alle.»

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