Das Zeugnis nach dem Podium: Tschirky schlagfertig, Lüthi angriffslustig

ST.GALLER STADTRATS-PODIUM ⋅ Im "Tagblatt"-Podium zum St.Galler Stadtrats-Wahlkampf sind sich CVP-Politiker Boris Tschirky und seine grünliberale Kontrahentin Sonja Lüthi auf Augenhöhe begegnet. Je länger das Podium dauerte, desto mehr trumpfte der Gemeindepräsident von Gaiserwald auf.
31. Oktober 2017, 16:40
David Gadze
Vermutlich war es bloss eine unglückliche Formulierung, oder ganz einfach ein Freud’scher Versprecher. Doch als Boris Tschirky den kürzlich verstorbenen Stadtrat Nino Cozzio, dessen Sitz im zweiten Wahlgang von 26. November neu besetzt wird, als "meinen Vorgänger" bezeichnete, sagte das viel über das Selbstverständnis, mit welchem der CVP-Politiker gegen Sonja Lüthi (Grünliberale) und Roland Uhler (Schweizer Demokraten) im Wahlkampf auftritt.

Tschirky, der Favorit, dem Lüthi im ersten Wahlgang jedoch überraschend nahe gekommen war, zeigte sich auch am "Tagblatt"-Podium vom Dienstagabend im gut gefüllten Kugl gewohnt angriffig, schlagfertig und breitbrüstig.
 

Elegante Attacken

In den ersten rund 30 Minuten erarbeitete sich jedoch Sonja Lüthi Vorteile. Sie legte die Zurückhaltung von den Auftritten im Vorfeld des ersten Wahlgangs ab und lieferte immer wieder überzeugende, aber auch überraschende Antworten. Bei der Frage, ob es richtig sei, in Zeiten knapper Finanzen in "Baudenkmäler" wie das Espenmoos zu investieren, blieb sie eine klare Antwort schuldig. Sie punktete damit, dass sie Tschirky immer wieder elegant attackierte. Ihre neu geweckte Angriffslust mag auch damit zusammenhängen, dass sie sich reelle Chancen ausrechnen darf, Tschirky auch im zweiten Wahlgang zu bedrängen oder gar zu überholen.


Tschirky trumpft auf

Doch je länger das Podium dauerte, desto mehr trumpfte Tschirky auf. Der Gemeindepräsident von Gaiserwald zeigte sich so, wie man es von ihm erwartet hatte: Er riss das Heft unabhängig vom Diskussionsthema immer wieder an sich und holte in seinen Antworten mitunter weit aus. Doch auch wenn er viel sagte, blieb er in einigen Äusserungen wenig konkret. Er zeigte sich auch betont volksnah, etwa als er betonte, der Stadtrat müsse aktiver auf die Bevölkerung zugehen und offen kommunizieren – ein Punkt, den auch Lüthi vertrat, bei dem sie jedoch einwarf, reden sei das eine, Projekte umzusetzen etwas anderes.

Tschirky punktete eher überraschend auch beim Beispiel einer kurdischen Familie, die trotz aller Bemühungen, sich zu integrieren, aus St.Gallen ausgeschafft worden war. "Wenn die Gesetze und Regeln so sind, haben sich alle daran zu halten – auch der Stadtrat", antwortete Lüthi auf die Frage, was sie in diesem Fall als Stadträtin unternommen hätte. Tschirky zeigte mehr Empathie: Der Stadtrat müsse sich für Leute, die den Willen zur Integration so deutlich zeigten, stärker einsetzen.
 

Beide hielten sich die Waage

Auch wenn je nach Diskussionsthema mal Boris Tschirky, mal Sonja Lüthi Oberwasser hatte, hielten sich am Ende die beiden Kandidaten in etwa die Waage. Passend zum erwarteten knappen Ausgang des zweiten Wahlgangs, könnte man sagen.

Leserkommentare

Anzeige: