Tschirky mit dem besten Resultat

STADTRATSERSATZWAHL ⋅ Es kommt am 26. November zum zweiten Wahlgang: Niemand der fünf kandidierenden Frauen und Männer schaffte das Absolute Mehr. Boris Tschirky (CVP) holte am meisten Stimmen.
24. September 2017, 14:46
Daniel Wirth
Er habe nicht erwartet, im ersten Wahlgang gewählt zu werden, sagte CVP-Kandidat Boris Tschirky kurz nach der Bekanntgabe der Resultate im Waaghaus. Der Gemeindepräsident von Gaiserwald und Kantonsrat nahm ruhig zur Kenntnis, dass er mit 6872 Stimmen am meisten auf sich vereinen konnte. Allerdings verpasste der Favorit, dem auch die FDP die Unterstützung zugesagt hatte, das Absolute Mehr um 3104 Stimmen. Sonja Lüthi, die Kandidatin der Grünliberalen, sagte, sie sei zufrieden mit ihrem Resultat; für die Kantonsrätin legten 5844 Wählerinnen und Wähler ihre Stimme ein. Der Rückstand auf Tschirky beträgt 1028 Stimmen. Dieses «gute Resultat», für das sie dankbar sei, verstehe sie als Votum, am zweiten Wahlgang teilzunehmen, sagte Lüthi.


Sie konnten den Kandidaten der SVP, Jürg Brunner, deutlich distanzieren. Der Unternehmer und Stadtparlamentarier  holte 3133 Stimmen. Während Sandra Steinemann, die Co-Präsidentin der SVP der Stadt St.Gallen, Brunners Resultat als «stark» bezeichnete (siehe Zweittext unten),  konnte der Kandidat selber eine leichte Enttäuschung nicht verbergen: «Ich habe mir mehr Stimmen erhofft», sagte er im Waaghaus. Es brauche nun eine genaue Analyse des Wahlergebnisses, erst dann werde er entscheiden, ob er an seiner Kandidatur festhalten oder er sich aus dem Rennen nehmen werde.

Ingrid Jacober verzichtet auf den zweiten Wahlgang

Einen Achtungserfolg erreichte Juso-Kandidat Andri Bösch. Seine 2255 Stimmen waren für ihn Grund genug, am Abend zu feiern. Er sei zufrieden. Jungsozialist Andri Bösch war von der Mutterpartei, der SP, nicht unterstützt worden; die Mitgliederversammlung sagte der Grünliberalen Sonja Lüthi die Unterstützung zu. Ob Bösch im November zum zweiten Wahlgang antreten wird, wollte er am Nachmittag nicht sagen. So abgeklärt und frisch er sich im Wahlkampf präsentiert hatte, so souverän dürfte er sich nun sagen: Das war’s.  Allerdings nur für diese Ersatzwahl. Die Zeit des Andri Bösch, sie wird kommen.

Ingrid Jacober, die Kandidatin der Grünen, holte 1769 Stimmen und landete mit diesem Ergebnis auf dem letzten Platz. Dennoch habe sich ihre Kandidatur gelohnt, sagte sie. Am zweiten Wahlgang werde sie nicht mehr teilnehmen, sagte Ingrid Jacober unmittelbar nach der Bekanntgabe der Wahlresultate.

Die Spitzen und Kandidaten der bürgerlichen Parteien SVP, FDP und CVP sowie Vertreter des Gewerbes und der Industrie, werden sich am Montag Morgen zusammenfinden. Sie wollen das Wahlergebnis analysieren und hernach sagen, wie - und vor allen Dingen mit wem - sie den zweiten Wahlgang angehen werden. Wahlvorschläge können bis 28. September, 17 Uhr, eingereicht werden. Die Zustellungsfrist für das Stimmmaterial dauert bis 3. November.

Die Ersatzwahl in den Stadtrat ist nötig geworden, weil Nino Cozzio (CVP) im Mai seinen Rücktritt nach elf Jahren per Ende 2017 bekannt gab. Der Vorsteher der Direktion Soziales und Sicherheit erlag am 13. September einem Krebsleiden. Die bewegende Trauerfeier fand am vergangenen Donnerstag in der bis auf den letzten Platz besetzten Kathedrale statt. 



"Ein zweiter Wahlgang war absehbar"

Reaktionen Jubelschreie waren am Sonntagnachmittag im Waaghaus kaum zu hören – weder von links noch von rechts. Zu offen gestaltet sich die Ausgangslage für den zweiten Wahlgang. «Das ist eine sehr gute Ausgangslage», sagte Lucia Podolsky, Co-Präsidentin der GLP Stadt St. Gallen. Die Vorzeichen für den zweiten Wahlgang stünden gut. Nun gelte es zunächst aber, das Gespräch mit den anderen Parteien zu suchen. Klar sei aber, so Podolskys Präsidiumskollege Christoph Wettach, dass das gute Abschneiden Sonja Lüthis als Auftrag verstanden werde. «Wir nehmen dieses starke Resultat als Verpflichtung wahr.»
 

«Klar, dass es im ersten Wahlgang nicht reichen würde»

Raphael Widmer, Präsident der CVP Stadt St. Gallen, hatte ebenfalls Grund zur Zuversicht. «Wir freuen uns, dass Boris Tschirky das beste Resultat aller Kandidierenden erzielt hat», sagte er. Dass es im ersten Wahlgang für Tschirky nicht reichen würde, sei angesichts des breiten Kandidatenfelds absehbar gewesen. Wie geht es nun weiter? «Das wissen wir noch nicht. Wir werden aber das Gespräch mit den anderen bürgerlichen Kräften suchen.» Ähnliches liess auch Sandra Steinemann, Co-Präsidentin der SVP Stadt St. Gallen, verlauten. Das Resultat von Jürg Brunner sei stark. «Wenn man beachtet, dass unser Kandidat alleine war und die FDP den CVP-Kandidaten unterstützte, ist das Abschneiden von Jürg Brunner umso beachtlicher.» Mit rund 15 Prozent der Stimmen liege er nämlich über dem  Wähleranteil der SVP in der Stadt. Ob Brunner zum zweiten Wahlgang nochmals antritt, liess Steinemann offen. FDP-Präsident Andreas Dudli forderte indes einen bürgerlichen Schulterschluss. Die Stimmen links und rechts der Mitte seien nämlich in etwa ausgeglichen. «Ob Jürg Brunner nochmals antritt, ist aber seine Entscheidung.»
 

Grüne Kandidatur als Initialzündung

Für Peter Olibet, Präsident der städtischen SP, ist der zweite Wahlgang keine Überraschung. Boris Tschirky habe ein relativ schlechtes Resultat gemacht, wenn man bedenke, dass er gemeinhin als Favorit gehandelt wurde. «Unser Ziel war, eine Wahl Tschirkys im ersten Wahlgang zu verhindern. Das ist uns gelungen.» Und Susanne Hoare-Widmer, Co-Präsidentin der Grünen, sagte: «Wir haben mit unserer Kandidatur eine Initialzündung gemacht.» Am zweiten Wahlgang nehmen die Grünen aber nicht mehr teil. «Wir wollen niemanden verheizen.» (ghi)

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