Temporäre Nischen für die Kultur

BELEBUNG ⋅ Am diesjährigen Stadtkulturgespräch diskutierten Baudirektorin Maria Pappa und Fachleute die Bedeutung kultureller Zwischennutzungen. Die städtischen Beispiele wurden aber leider nicht vertieft.
31. August 2017, 07:08
David Gadze

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Der Lattich im Güterbahnhofareal, das ehemalige italienische Konsulat an der Frongartenstrasse, das «Werkhaus 45» an der Haggenstrasse oder der «Geile Block» in Rotmonten: In der Stadt St. Gallen gibt es einige Beispiele für geglückte kulturelle Zwischennutzungen, von denen einige kürzer, andere länger dauerten oder immer noch dauern. Am Stadtkulturgespräch zu diesem Thema stellten sich Stadträtin Maria Pappa, Isa Stürm, Architektin (Umbau Lokremise St. Gallen) und Initiantin des Projekts «1000 m2» in Rorschach, Marco Di Nardo von der Zürcher Kombo-Agentur, einer Anlaufstelle für temporäre Kulturprojekte, sowie Stefan Meier vom Immobilienberatungsunternehmen Wüest & Partner im Lattich den Fragen von Kulturjournalistin Karin Salm.

«Leere Räume dienen niemandem», hielt Stadtpräsident Thomas Scheitlin in seiner Begrüssungsrede fest. Das Stadtkulturgespräch von 2015, das dem Bedarf an Kulturräumen an sich gewidmet war, habe diesbezüglich einiges bewirkt. Zwischennutzungen hätten keine «Lückenbüsserfunktion», vielmehr würden sie einen Mehrwert schaffen, indem sie ihre Nachbarschaft belebten. Barbara Affolter, Co-Leiterin der städtischen Kulturfachstelle, betonte, dass in St. Gallen der Bedarf für kulturelle Zwischennutzungen ausgewiesen sei. «An Inhalt fehlt es nicht. Die Frage ist aber, wie man an solche Räume kommt.» Genau diese Frage wurde am Stadtkulturgespräch denn auch diskutiert – allerdings auf einer sehr theoretischen Ebene und ohne auf die erfolgreichen städtischen Beispiele konkret einzugehen.

Oft lassen Eigentümer freie Flächen lieber leer stehen

In der Stadt gibt es jedoch auch viele leer stehende Flächen, deren Eigentümer sich trotz Anfragen von Kulturschaffenden gegen Zwischennutzungen entscheiden, etwa im Erdgeschoss des Union-Gebäudes. Ein «Killerkriterium» sei oft die Bewilligungsfähigkeit aufgrund der ­Zonierung, wegen Haftungsfragen oder anderer rechtlicher Hindernisse, sagte Friederike Pfromm, ehemalige stellvertretende Stadtbaumeisterin, in ihrem Impulsreferat. Stefan Meier betonte, es brauche den Mut der Liegenschaftsbesitzer, nicht nur auf Paragrafen zu schauen, sondern auch Risiken einzugehen. Viele würden jedoch Leerstände in Kauf nehmen, wenn keine Sanierung oder Umnutzung des Gebäudes geplant sei, da sie Mehrkosten fürchteten. Marco Di Nardo wies auf weitere «Interessenkonflikte» hin, etwa Lärmemissionen oder Regeln, die es auch bei Zwischennutzungen einzuhalten gebe.

Diskutiert wurde auch die Frage, wie lange eine kulturelle Zwischennutzung mindestens dauern müsse, damit sie erfolgreich sei. Aus Sicht von Di Nardo sind «drei bis fünf Jahre wünschenswert». So könne man abschätzen, wie viel Zeit und Geld man bereit sei aufzuwenden. Auch Meier sprach davon, dass eine lange Nutzungsdauer hilfreich sei für die Etablierung eines Konzepts. Ab drei Jahren könne man aber eigentlich nicht mehr von einer «Zwischennutzung» reden. Publikumsgast Felix Lehner, Gründer und Geschäftsführer der Kunstgiesserei St. Gallen, nannte hingegen die Guerilla-Galerie und den «Geilen Block» als gute Beispiele für «tolle Wochenendnutzungen». Die Stadt müsse solche vermehrt fördern.

Stadt will Vermittlerrolle spielen

Zwischennutzungen von unter drei Jahren seien einfacher zu realisieren, da die Kriterien für eine Bewilligung nicht so streng seien wie bei einer längeren Nutzungsdauer, sagte Stadträtin Maria Pappa. «Ein Auge zudrücken kann die Stadt jedoch auch dann nicht.» Voraussetzung sei jedoch eine klare Idee, man könne nicht «einfach so» einen Raum verlangen. Allerdings hielt die Baudirektorin später fest, es sei «wichtig, sich zu öffnen und den Raum zu geben, nicht aber den Inhalt». Aufgeworfen wurde auch die Frage, ob es in der Stadtverwaltung eine Art Fachstelle für Zwischennutzungen brauche, wie etwa in Luzern. Eine klare Antwort darauf blieb jedoch aus. Maria Pappa sagte jedoch an einer anderen Stelle des Gesprächs, dass die Stadt die Vermittlerrolle zwischen den Besitzern leer stehender Liegenschaften und interessierten Nutzern übernehmen könne.

Die Stadt unternehme zu wenig, um kulturelle Zwischennutzungen zu unterstützen, sagte Künstlerin Iris Betschart. Ihr sei nicht einmal klar, an wen bei der Stadtverwaltung sie sich mit konkreten Projekten wenden solle. Da half wohl auch die Antwort von Maria Pappa, sie solle doch einfach «irgendjemanden anrufen», derjenige werde sie schon an die richtige Stelle weiterleiten, wenig.


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