SVP-Brunner: "Ich will nicht Steigbügelhalter der Linken sein"

ST.GALLER STADTRATSWAHL ⋅ Nach dem ersten Wahlgang vom Sonntag haben die Spitzen von CVP, FDP und SVP sowie der Wirtschaftsverbände am Montag die Köpfe zusammengesteckt. Das Ergebnis: Sie schnüren ein Päckli.
Aktualisiert: 
25.09.2017, 18:00
25. September 2017, 15:01
Daniel Wirth
Er verzichte auf eine Teilnahme am zweiten Wahlgang, weil er nicht der Steigbügelhalter der Linken sein wolle, sagte Jürg Brunner am Montag gegenüber dem "Tagblatt". Der SVP-Stadtparlamentarier und Inhaber der ASA Service AG, die mobile WC-Anlagen vermietet und Kanäle reinigt, holte am Sonntag im ersten Wahlgang 3133 Stimmen. Jürg Brunner hatte einen engagierten Wahlkampf geführt, und er hatte dafür mehrere zehntausend Franken in die Hand genommen. Schliesslich konnte er aber ausserhalb der SVP kaum punkten; sein Stimmenanteil am Sonntag entsprach ziemlich genau dem Wähleranteil, den die SVP bei den Stadtparlamentswahlen vor einem Jahr erreicht hatte. Dass Jürg Brunner nun das Feld räumt zu Gunsten von CVP-Kandidat Boris Tschirky, der am Sonntag am besten abschnitt, war ­absehbar. Sein Rückzug wird im bürgerlichen Lager denn auch begrüsst.

"Wir Bürgerlichen müssen uns im zweiten Wahlgang geschlossen hinter einen einzigen Kandidaten scharen", sagt Andreas Dudli, Präsident der FDP der Stadt St.Gallen. Die Freisinnigen gaben vor dem ersten Wahlgang eine Wahlempfehlung für Boris Tschirky heraus. "Ich werde der Parteileitung empfehlen, dies auch vor dem zweiten Wahlgang zu tun", hielt Dudli am Montag fest. Raphael Widmer, der Präsident der städtischen CVP, freut sich auch, dass sich die SVP und insbesondere Kandidat Jürg Brunner dafür entschieden, sich am zweiten Wahlgang nicht mehr zu beteiligen,wie er auf "Tagblatt"-Anfrage sagte. Wie sich die SVP, die sich jetzt aus dem Rennen nahm, vor dem zweiten Wahlgang verhalten wird, ist gemäss Karin Winter-Dubs, Präsidentin der SVP-Fraktion im Stadtparlament, noch nicht bestimmt worden. Alles andere als eine SVP-Wahlempfehlung für Boris Tschirky wäre aber eine Überraschung und unlogisch.
 

So oder so: Keine Wahl im Schlafwagen

Boris Tschirky, Gemeindepräsident von Gaiserwald und CVP-Kantonsrat, war als klarer Favorit in den ersten Wahlgang ­gegangen, an dem sich neben ihm Sonja Lüthi (GLP), Jürg Brunner (SVP), Ingrid Jacober (Grüne) und Andri Bösch (Juso) beteiligten. Tschirky verpasste das absolute Mehr am Sonntag aber deutlich. Das hat seinen Grund: Die links-grüne Wählerschaft in der Stadt St.Gallen gewinnt kontinuierlich. Die Parallelen zwischen der aktuellen Ersatzwahl und den Gesamterneuerungswahlen in den Stadtrat vom vergangenen Herbst sind augenfällig: SP-Kandidatin Maria Pappa startete als Aussenseiterin in den Wahlkampf – und kippte schliesslich im zweiten Wahlgang Stadträtin Patrizia Adam von der CVP aus dem Amt. Pappa hatte im ersten Wahlgang einen ähnlich grossen Rückstand auf Adam wie Sonja Lüthi am Sonntag auf Favorit Boris Tschirky. Das zeigt: Der CVP-Kandidat darf nicht auf eine Wahl im Schlafwagen hoffen. Die Kräfteverhältnisse haben sich von Mitte-rechts nach Mitte-links verschoben in der ehemaligen CVP- und FDP-Hochburg St.Gallen. Überflügelte Sonja Lüthi Boris Tschirky im zweiten Wahlgang, ­flöge die CVP aus dem Stadtrat.



Die Grünen haben sich bereits am Sonntag zurückgezogen; Ingrid Jacober tritt nicht mehr an. Ihre Stimmen dürften zu einem beachtlichen Teil zu Sonja Lüthi wandern. Andri Bösch wird voraussichtlich nicht mehr antreten, wie er am Montag durchblicken liess. Der Jungsozialist konnte 2255 Wählerinnen und Wähler mobilisieren. Ob diese am 26. November gleich motiviert für Lüthi an die Urne ­gehen werden, muss sich aber erst noch weisen. Dass dann auch über den Ausbau des Fernwärmenetzes abgestimmt wird, könnte Lüthi tendenziell helfen.
 

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