St.Gallen bekommt eine private Notschlafstelle

GASSENARBEIT ⋅ Mitten in der St.Galler Altstadt entsteht eine Notschlafstelle mit sechs Schlafplätzen. Getragen wird sie vom privaten Verein "Endlesslife".
14. Februar 2018, 16:32
Dieser Artikel erschien zuerst auf "FM1 Today" 

«Bei uns suchen immer wieder Obdachlose Hilfe und wir wissen nicht, wohin wir sie in St.Gallen verweisen können», sagt Thomas Feurer, Präsident des Vereins Endless Life St.Gallen. Der Verein setzt sich in St.Gallen für Süchtige und Randständige ein.

In der Stadt St.Gallen gibt es bereits seit Jahren eine Notschlafstelle. Die Unterkunft für Obdachlose (Ufo) in der Grünhaldenstrasse stellt acht Betten zur Verfügung. Die Ufo ist gedacht für kurz- bis mittelfristige Aufenthalte. Im gleichen Haus gibt es auch ein Wohnhilfeangebot für eine mittel- bis längerfristige Betreuung. Eine Notschlafstelle der Heilsarme wurde vor einiger Zeit wieder geschlossen.
 

Nulltoleranz gegenüber Drogen

Der Verein Endlesslife will nun das Angebot erweitern und selbst eine Notschlafstelle schaffen, mitten in der St.Galler Altstadt. An der Kugelgasse 6, einen Stock über den Räumlichkeiten des Vereins, entstehen sechs Schlafplätze. «In St.Gallen gibt es keine Institution dieser Art mit einer Nulltoleranz in Sachen Drogen. Das wollen wir nun anbieten», sagt Feurer

Die neue Notschlafstelle wird derzeit noch eingerichtet und wird Anfang März eröffnet. Sie nimmt alle auf, die kurz- oder mittelfristig obdachlos sind. «Es sind aber nicht nur Drogen- oder Alkoholsüchtige, die hier ein Dach über dem Kopf bekommen können – auch Leute in einer Ehe- oder Beziehungskrise, die nicht wissen wohin, wollen wir ansprechen», sagt Feurer. Deshalb sei es auch wichtig, dass keine Drogen in der Notschlafstelle konsumiert werden.
 

Nicht nur einfach ein Notbett

Die Unterkunft, die auch mit einem Aufenthaltsraum ausgestattet werden soll, ist kostenlos. «Es muss aber die Bereitschaft vorhanden sein, die Probleme, die zur Obdachlosigkeit geführt haben, angehen zu wollen. Uns ist es ein Anliegen, nicht nur Nothilfe zu leisten.» Die Notschlafstelle wird privat über Spenden finanziert.

Jürg Niggli, Geschäftsleiter der Stiftung Suchthilfe St.Gallen, hat bislang noch nichts von diesem neuen Angebot gehört. Er kennt den Verein, eine Zusammenarbeit bestehe aber nicht. Niggli sagt, die Stadt St.Gallen habe ein gutes Angebot an Unterkünften.

«Das Ufo beispielsweise bietet eine gute Möglichkeit für Übernachtungen an. Betrachtet man die Nachfrage, ist eine Alternative sicher auch zu begrüssen. Kann ein Betroffener zwischen Angeboten auswählen, hat er sicher mehr davon, als wenn er nur ein Angebot nutzen kann», sagt Niggli.

Zum Thema Toleranz bei Drogenkonsum, hat Niggli eine klare Meinung. «Ist jemand in einem Substitutionsprogramm, also bezieht jemand Heroin legal, ist im Methadonprogramm oder konsumiert Subutex, ist dies in den Notschlafstellen kein Problem», sagt Niggli.

Es werde dann problematisch, wenn jemand nicht in einem solchen Programm sei und dennoch Heroin konsumiert werde. «Toleriert man dies in einer Unterkunft, ist das heikel», so Niggli.

Es brauche eine klare Regelung. Man könne nicht einfach nur ein Zimmer zur Verfügung stellen und keine Rahmenbedingungen festlegen.

«Das würde es für andere, die dort ein- und ausgehen schwierig machen. Es ist auch dort ein Zusammenleben und man muss für die Gemeinschaft sorgen. Manchmal muss man die Rechte eines einzelnen leicht einschränken, damit es für sechs oder acht Leute tauglich ist», so Niggli.
 

Nachfrage im Winter höher

Die Stiftung Suchthilfe betreut Randständige und Suchtkranke. Derzeit sind 180 Suchtkranke im Substitutionsprogramm. Der Blaue Engel, eine Anlaufstelle und Gassenküche, wird täglich von 100 bis 150 Menschen genutzt. «Manche kommen täglich, andere mehrmals wöchentlich», sagt Niggli.

Jetzt im Winter sei die Nachfrage nach Schlafplätzen natürlich höher als im Sommer. Dass Menschen trotz Kälte draussen schlafen, höre man, so Niggli, höchst selten. «Es gibt eine bis zwei Personen, die selbst gewählt draussen übernachten, obwohl sie in eine Wohnung oder Unterkunft gehen könnten», sagt Niggli.

Es gäbe aber immer wieder Einzelfälle, in denen es nicht ganz einfach ist, auf die Schnelle einen Platz zu finden. «In der Regel ist die Drogenszene aber eher durchlässig, dass heisst, meist wird eine Unterkunft gefunden», sagt Niggli.

Die Stiftung Suchthilfe hat eine kleine Wohngemeinschaft mit sechs Plätzen, die aber auf zwölf Plätze ausgebaut wird. «Dort sind wir im Moment gut besetzt, hatten aber lange einen freien Platz. Es sind mittel- bis längerfristige Plätze, wo die Betroffenen ein halbes bis ein ganzes Jahr bleiben», sagt Niggli. (agm/str)
 

Endlesslife

Der Verein Endlesslife wurde von Thomas Feurer (46) gegründet. Er ist selbst ein ehemaliger Drogensüchtiger. Im Verein engagieren sich 26 Leute ehrenamtlich und betreuen zur Zeit etwa 250 Fälle. Gemäss eigenen Angaben ist der Verein städtisch anerkannt gemeinnützig. (agm/str)


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