St.Gallen bekennt sich zur Urbanität

LEITARTIKEL ZUM SELBSTVERSTÄNDNIS DER OSTSCHWEIZER METROPOLE ⋅ "Das Votum vom vergangenen Sonntag ist ein Bekenntnis der Stadtsanktgaller zur Urbanität, zu einer Stadt, die sich als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum einer Region begreift." Das schreibt Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Leitartikel nach den Stadtratswahlen in St.Gallen.
02. Dezember 2017, 08:17

Der Pulverdampf hat sich verzogen, doch die Erschütterung der Ostschweizer Politlandschaft ist nachhaltig. Boris Tschirky, die selbstdeklarierte «Rampensau aus dem Rheintal» und bürgerlicher Favorit für die St.Galler Stadtregierung, blieb im zweiten Wahlgang chancenlos. Souverän gewählt wurde mit Sonja Lüthi eine progressive, urbane Frau.

Da politisch zwischen der Grünliberalen und dem Christlichdemokraten keine Welten liegen, muss die Erklärung für die Zäsur an einem anderen Ort gesucht werden. Im Fokus steht dabei die Lebenswelt, der soziokulturelle Hintergrund der beiden Protagonisten. Hier eine junge, besonnen auftretende Mutter mit ökoliberalem Profil, welche ihr Kind in die Kita bringt und sich die Familienarbeit mit dem Partner teilt. Eine Frau auch, die sich bewusst für einen städtischen Wohnsitz entschieden hat und gerne Velo fährt. Da der Polteri aus dem Rheintal mit sympathischem Dialekt gewiss, aber letztlich halt doch ein Mann vom Land. Dass er mit Gaiserwald eine wohlhabende Schlafgemeinde präsidiert, rundet in den Augen zahlreicher Städter das Bild vom Parvenü ab, der nicht so recht in ein städtisches Umfeld passen will.

Das Votum vom vergangenen Sonntag ist ein Bekenntnis der Stadtsanktgaller zur Urbanität, zu einer Stadt, die sich als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum einer Region begreift. Und es ist ein Bekenntnis zum urbanen Lebensgefühl: Dazu gehören selbst für bürgerliche Städter ein vielfältiges Kulturangebot, bezahlbare Kindertagesstätten, gute ÖV-Verbindungen und verkehrsberuhigte Wohnquartiere. Möglichst viele freie Parkplätze im Stadtzentrum sind zwar praktisch, stehen aber für diese urbane Klientel, die abends nicht ins Einfamilienhaus im Speckgürtel zurückkehrt, kaum zuoberst auf der Prioritätenliste. Die Wahl Sonja Lüthis ist auch ein Ausdruck der veränderten soziodemografischen Zusammensetzung der Stadtbevölkerung. Der bunte Mix aus Studenten, Ausländern, Kreativen, Staatsbediensteten und liberalen Freiberuflern schlägt sich in neuen politischen Mehrheiten nieder.

Für die lokale und kantonale Politik ergeben sich daraus eine Reihe von Konsequenzen. In der Stadt ist der Triumph von Mitte-Links verbunden mit einer erhöhten Erwartungshaltung der Bevölkerung. Der neue Stadtrat muss beweisen, dass er in der Lage ist, die Phase der städtebaulichen Lethargie zu überwinden und St.Gallens urbanes Flair nachhaltig zu stärken, der Ostschweizer Metropole mithin jenen innovativen Esprit zu verleihen, den Sonja Lüthi in Aussicht gestellt hat. Auf der anderen Seite müssen die bürgerlichen Parteien Antworten finden, die der urbanen Wirklichkeit besser gerecht werden. Bürgerliche Politik in der Stadt muss anders konnotiert sein als bürgerliche Politik im Rheintal oder im Appenzellerland. Ob eine CVP mit ihrem Ja zum Burkaverbot in einem städtisch-liberalen Umfeld punkten kann, ist ebenso fraglich wie der freisinnige Versuch, das Rad der Verkehrspolitik zurückzudrehen. Da sind neue Antworten gefragt, sonst droht Mitte-rechts jenes Schicksal, das diese Parteien in anderen Städten ereilt hat: die lokalpolitische Bedeutungslosigkeit.

Der linksliberale Kurs der Stadt hat Auswirkungen auf die ganze Region. Die Stadt bleibt in ein konservatives, durch und durch bürgerliches Umfeld eingebettet. Im Kantonsrat sind mit der CVP und der SVP just jene Parteien in der Mehrheit, die im St.Galler Stadtrat nicht (mehr) vertreten sind. Das wird zu Friktionen, gemeinhin zu einer Verbreiterung des Stadt-Land-Grabens führen. Hier ist auf beiden Seiten Fingerspitzengefühl und Kompromiss­bereitschaft gefragt.

Die Achse Unteres Rheintal–Rorschach–St. Gallen–Wil ist die ökonomische Hauptschlagader unserer Region. Diesen urbanen Wachstumsmotor gilt es, im Interesse aller zu stärken. Was die ohnehin fragmentierte Ostschweiz nicht gebrauchen kann, wäre eine Verhärtung zwischen bürgerlichem Kanton und ihrer linksliberalen ­Kapitale.

Stefan Schmid
stefan.schmid@tagblatt.ch


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