SP gibt grünliberaler Frau den Vorzug

WAHLEN ⋅ Die SP empfiehlt für die Ersatzwahl in den Stadtrat am 24. September überraschend Sonja Lüthi (GLP). Die Mitglieder haben sich knapp gegen den Jungsozialisten Andri Bösch ausgesprochen. So soll Boris Tschirky (CVP) die Stirn geboten werden.
24. August 2017, 19:26
Christoph Renn
«Dieser Entscheid hat eine grosse Bedeutung.» Mit diesen Worten lancierte Peter Olibet, Präsident der SP der Stadt St.Gallen, eine lange Diskussion unter den Mitgliedern. Die Partei müsse mit der Wahlempfehlung für die Stadtratswahlen am 24. September ein starkes Signal senden. Zwei Stunden und heftige Wortwechsel später klang der Präsident weniger optimistisch: «Ich bedauere dieses Resultat. Aber das ist Demokratie.» Doch, was führte zu seinem Stimmungswandel? Die SP hat überraschend entschieden, Sonja Lüthi (GLP) zur Nachfolgerin von Nino Cozzio (CVP) zu empfehlen. Nur sie. Ein Zweierticket kommt für die SP nicht in Frage. Den Kandidaten der Juso, Andri Bösch, lässt die SP im Regen stehen. «Zumindest senden wir ein Signal. Ein Signal an die junge Wählerschaft», kommentierte ein SP-Mitglied den Entscheid ironisch.

Die rund 60 Genossinnen und Genossen waren sich von Beginn an uneinig. Bald bildeten sich zwei Lager. Für das eine war der Fall klar: Mit Andri Bösch kandidiert einer aus den eigenen Reihen.
Die andere Seite nannte dies jedoch einen unüberlegten Herzensentscheid. Sie forderten mit Sonja Lüthi eine strategische Empfehlung, um Favorit Boris Tschirky (CVP) das Leben so schwer wie möglich zu machen. Die Bösch-Unterstützer gaben zu bedenken, dass Lüthi in grünen Themen zwar zur SP passe, in sozialen jedoch weit von der Partei entfernt liege. Olibet bat nach langer Diskussion zu einem ersten geheimen Wahlgang. Und in diesem machte Bösch mit 24 Stimmen das Rennen vor Lüthi mit 22 Stimmen. Lediglich auf fünf Wahlzetteln stand der Name Ingrid Jacober (Grüne). Deshalb wurde sie auch kurzerhand von der Liste potenzieller Kandidatinnen von der SP gestrichen.

«Bösch ist noch zu jung für den Stadtrat»

Die Unterstützer von Andri Bösch sahen sich bereits in ihrem Entscheid bestätigt. Doch sie rechneten wohl nicht mit der vehementen Gegenwehr aus den eigenen Reihen. Vor allem Genossinnen machten sich für Sonja Lüthi stark. «Wir brauchen dringend eine zweite Frau im Stadtrat», versuchten sie das andere Lager zu überzeugen. Und: «Andri Bösch macht seine Sache als 20-Jähriger zwar sehr gut, doch kann ich ihn im Moment nicht ernsthaft zur Wahl empfehlen», doppelte Stadtparlamentarierin Eva Crottogini nach. Und die Partei müsse ernst genommen werden in der Stadt. In zehn Jahren sehe die Sache vielleicht ganz anders aus. Für diese Aussage erntete sie nicht nur Zustimmung. Der Konter folgte sogleich: «Mit Bösch erreichen wir viele potenzielle junge Wähler», setzte sich eine junge Mutter für den Juso-Kandidaten ein. Dieses Potenzial gelte es nun auszuschöpfen.

Nach dem ersten Wahlgang begann die Diskussion, ob ein Zweierticket Bösch/Lüthi empfohlen werden sollte. Auch hier gab es viele Wortmeldungen auf beiden Seiten. «Ohne Bösch gibt es kein Ticket», forderten gleich mehrere Votanten. Auch bei dieser Frage war die SP gespalten. Der Antrag, ein Zweierticket zu unterstützen, wurde mit 28 zu 24 Stimmen abgelehnt. Deshalb wurde ein zweiter Wahlgang benötigt. Die Anspannung im Katharinensaal stieg spürbar. Der Ausgang der Abstimmung blieb völlig offen. Eine Hälfte der Mitglieder bereitete sich bereits auf eine Niederlage vor. «Die Leute wählen am 24. September sowieso, wen sie wollen», versuchten einige sich zu beruhigen.

Mit Sonja Lüthi gegen Boris Tschirky

Nach zehn Minuten übergaben die Stimmzähler das Resultat Peter Olibet. Dieser las die Zahlen mit ernster Miene vor: Die SP empfiehlt Sonja Lüthi. Sie übertraf mit 29 Stimmen Andri Bösch um 5 Stimmen. Die Strategie hat über das Herz entschieden. Die SP sendet damit wie angekündigt ein Signal: Mit Sonja Lüthi unterstützen sie diejenige Kandidatin, welche die grössten Chancen hat, Boris Tschirky die Stirn zu bieten.

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