Sonja Lüthi landet einen Erdrutschsieg - Schlappe für Tschirky

ST.GALLEN ⋅ Sonja Lüthi von den Grünliberalen hat den zweiten Wahlgang um den vakanten Sitz in der fünfköpfigen St.Galler Stadtregierung gewonnen. Sie tritt die Nachfolge von Nino Cozzio an. Die CVP verliert nach dem Herbst 2016 auch noch ihren zweiten und letzten Sitz im Stadtrat.
26. November 2017, 16:22
Reto Voneschen/Daniel Wirth
Lüthi kam im zweiten Wahlgang vom Sonntag auf 10'096 Stimmen. Auf Boris Tschirky (CVP) entfielen 6966 Stimmen. Der Gemeindepräsident von Gaiserwald kassierte damit eine deutliche Niederlage. Der im zweiten Wahlgang neu antretende Roland Uhler (Schweizer Demokraten) hatte mit 668 Stimmen wie erwartet nicht den Hauch einer Wahlchance. Die Beteiligung am zweiten Wahlgang der St.Galler Stadtratsersatzwahl lag bei 40,3 Prozent.
 

Tschirky im Stich gelassen?

"Ich bin überwältigt", sagte Sonja Lüthi unmittelbar nach der Bekanntgabe der Wahlresultate im St.Galler Waaghaus. Mit einem derart klaren Wahlsieg habe sie nicht gerechnet, sagte die Grünliberale, während sie viele herzliche Gratulationen entgegennahm. Sie habe einen engagierten Wahlkampf geführt und sei nun belohnt worden. Sie freue sich auf ihre neue Aufgabe, vor der sie aber auch Respekt habe, sagte eine glückliche Sonja Lüthi.

Ganz anders präsentierte sich die Gemütslage bei Boris Tschirky. Er sagte, er könne seine Wahlniederlage so kurz nach Bekanntwerden der Resultate nicht analysieren; dafür brauche es etwas Zeit. Er könne sich keinen Vorwurf machen. Die Frage, ob er von der angeblichen bürgerlichen Allianz im Stich gelassen worden sei, wollte Boris Tschirky nicht beantworten.
 

Eine Frau der Energiewende

Die 36-jährige Sonja Lüthi ist diplomierte Geografin, Sekundarlehrerin und promovierte Ökonomin. Sie hat mit einer Dissertation über eine wirksame Förderpolitik für erneuerbare Energien an der Universität St.Gallen doktoriert. Seit 2014 arbeitet sie als Leiterin des Bereichs «Farmenergie» beim Landverband. Sie ist verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter.

Sonja Lüthi sass von 2012 bis 2015 im St.Galler Stadtparlament. 2015 wurde sie in den Kantonsrat gewählt. Seit 2016 amtiert sie als Kantonalpräsidentin der Grünliberalen Partei. Sie ist zudem ehrenamtlich stark engagiert, unter anderem als Präsidentin der Genossenschaft Solar St.Gallen, deren Initiantin sie auch ist.
 

Beliebter Sozial- und Polizeidirektor

Erst im Herbst 2016 hatten in St.Gallen Gesamterneuerungswahlen für Stadtrat und Stadtparlament stattgefunden. Damals hatte die CVP mit der Abwahl von Baudirektorin Patrizia Adam den ersten von zwei Sitzen in der städtischen Exekutive verloren. Dass jetzt bereits eine Ersatzwahl nötig wurde, lag an einer schweren Erkrankung von Sozial- und Polizeidirektor Nino Cozzio (CVP).

Aufgrund des Krankheitsverlaufs erklärte er Anfang Mai seinen Rücktritt auf Ende 2017, erlag aber bereits Mitte September kurz vor seinem 60. Geburtstag seinem Krebsleiden.

Als Nachfolger von Cozzio nominierte die CVP Boris Tschirky. Im ersten Wahlgang vom 24. September verfehlte dieser zwar das absolute Mehr und damit die Wahl, landete aber mit 6872 Stimmen vor der überraschend starken Grünliberalen Sonja Lüthi (5844) auf dem ersten Platz.

In der Folge verzichteten Jürg Brunner (SVP, 3133), Andri Bösch (Juso, 2255) und Ingrid Jacober (1769) auf die Teilnahme am zweiten Wahlgang vom 26. November. In diesen stiegen damit Tschirky und Lüthi. Überraschend trat neu auch noch der Schweizer Demokrat Roland Uhler an. Der grosse Verlierer: Boris Tschirky.

Der grosse Verlierer: Boris Tschirky.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen

Im ersten Wahlgang hatte Boris Tschirky aufgrund seiner grossen politischen Erfahrung als Favorit gegolten. Das war im zweiten Wahlgang anders: Er wurde von Anfang an als Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Tschirky und Sonja Lüthi gesehen.

Dies, weil der erste Wahlgang sichtbar gemacht hatte, wie knapp die Mehrheitsverhältnisse zwischen rechts und links in der Stadt St.Gallen inzwischen sind. Die beiden bürgerlichen Kandidaten lagen am 24. September nur gerade 137 Stimmen vor den drei Kandidierenden von links der Mitte.

Schon im Laufe des Wahlkampfs war in den vergangenen Wochen zeitweise der Eindruck aufgekommen, Boris Tschirky verliere gegenüber seiner Konkurrentin langsam an Boden. Dies nicht aufgrund seiner Auftritte an den Podiumsdiskussionen; diese fielen routiniert und überzeugend aus.

Sonja Lüthi legte in diesen Diskussionen gegenüber dem ersten Wahlgang aber ebenfalls stark zu. Sie wurde als offene, kompetente Kandidatin wahrgenommen. Sympathien trug ihr ganz offensichtlich auch ein, wie sie ihre berufliche Karriere, ihr energiepolitisches Engagement und die Mutterrolle unter einen Hut bringt.
 

Frauenfrage und persönliche Animositäten

Zum Sieg von Sonja Lüthi beigetragen hat sicher auch, dass die Frauen­frage im Wahlkampf bis in Teile des bürgerlichen Lagers hinein eine Rolle spielte: Der Wunsch nach einer zweiten Frau in der Stadtregierung war letztlich stärker als andere Anliegen wie etwa, einen links-grünen Stadtrat zu verhindern oder den Bürgerlichen eine einigermassen angemessene Vertretung in der Exekutive zu sichern.

Ebenfalls eine Rolle beim Wahlentscheid dürfte gespielt haben, dass im bürgerlichen Lager seit dem Sommer immer wieder Stimmen gegen CVP-Kandidat Boris Tschirky laut wurden. Nicht zuletzt unterstützte Jürg Brunner, der SVP-Kandidat aus dem ersten Wahlgang, vor dem 26. November überraschend Sonja Lüthi. Und auch das Bündnis zwischen CVP, FDP und SVP hat nicht wirklich gespielt.

Genau an diesem Punkt warten Hausaufgaben auf bürgerliche Parteien und Verbände der Stadt St.Gallen: Wenn sie sich jetzt nicht zusammenraufen und eine gemeinsame Wahlstrategie entwickeln, droht ihnen 2020 bei der nächsten Gesamterneuerungswahl in den Stadtrat erneut ein Debakel. In zwei Jahren dürfte nämlich mit dem absehbaren Rücktritt von Thomas Scheitlin (FDP) das Stadtpräsidium und damit der letzte bürgerliche Stadtratssitz neu zu besetzen sein.

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