Wie eine Katholikin nach ihrem Austritt wieder zurück zur Kirche gefunden hat

WITTENBACH ⋅ Die Zahl der Kirchenaustritte nimmt markant zu. Doch gibt es auch Personen, die sich zu einem Wiedereintritt entschliessen. Eine von ihnen ist die Wittenbacherin Mili Sutter.
09. April 2018, 14:20
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

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An der Wand in Mili Sutters Wohnzimmer hängt ein grosses Kreuz. Von ihrem Fenster aus blickt die Wittenbacherin direkt auf die katholische Kirche. «Ich bin schon immer eine religiöse Person gewesen», sagt sie. Umso mehr erstaunt es, dass die 91-Jährige zu jenen fünf Personen gehört, die im vergangenen Jahr offiziell wieder der katholischen Kirche beigetreten sind. Es handelt sich dabei allerdings um ­Einzelfälle. Denn die Zahl der evangelisch-reformierten und der römisch-katholischen Kirchenangehörigen hat in den vergangenen Jahren markant abgenommen.

Von einem Trend, dass wieder mehr Menschen in die Kirche eintreten, kann nicht gesprochen werden. «In Wittenbach bewegt sich die Anzahl der Wiedereintritte seit Jahren zwischen einer und fünf Personen», sagt Christian Leutenegger, katholischer Pfarreibeauftragter. Die Gründe für diesen Schritt sind unterschiedlich. Einige Personen sind laut Leutenegger als junge Erwachsene ausgetreten. Später treten sie während der Familiengründungsphase wieder ein, ­damit ihre Kinder eine religiöse Erziehung erhalten. Andere Personen sind wegen einer Enttäuschung ausgetreten. Später, wenn sich die Wut gelegt hat, machen sie diesen Schritt rückgängig. Für wieder andere sind finanzielle Gründe ausschlaggebend. Sie treten aus, um die Kirchensteuer zu sparen. Wenn sich ihre finanzielle Situation gebessert hat, treten sie wieder ein.
 

Jeden Sonntag zum Gottesdienst

Mili Sutter wuchs im Innerrhodischen Dorf Brülisau auf. Schon als Kind besuchte sie mit ihrer Familie jeden Sonntag den Gottesdienst. Hinzu kamen tägliche Gottesdienste morgens vor Schulbeginn. Später, als ihr die Kirche zu «mainstream-artig» wurde, begann sie die Gottesdienste der Freikirche St.Michaelsvereinigung in Dozwil zu besuchen.

Ende der 1980er-Jahre mussten sich die Anhänger der St.Michaelsvereinigung auf Geheiss der Deutschschweizer Bischöfe entscheiden, ob sie der offiziellen Kirche angehören oder die Gottesdienste in Dozwil besuchen wollten. Mili Sutter entschied sich für Dozwil. «Da es in Appenzell damals keine Kirchensteuer gab, bin ich eigentlich gar nie ausgetreten. Ich habe einfach den Gottesdienst dort nicht mehr besucht», sagt sie.

Vor etwas mehr als einem Jahr suchte sie nun den Rat des Wittenbacher Pfarreibeauftragten Leutenegger. Sie sagt: «Ich machte mir Gedanken, wo ich mich beerdigen lassen möchte. Und von Christian Leutenegger erfuhr ich, dass in Wittenbach eine kirchliche Bestattung nur möglich ist, wenn ich Kirchensteuern bezahle. So bin ich beigetreten.» In Wittenbach besucht Mili Sutter, «seit sie nicht mehr so mobil sei», regelmässig den Rosenkranz sowie die Gottesdienste am Donnerstag.
 

Katholikin trotz Austritt

Nicht alle Personen sind bereit, mit Namen Auskunft über ihre Beweggründe für den Kircheneintritt zu geben. Eine Frau erzählt aber, dass sie sich nach einer grossen, persönlichen Enttäuschung dazu entschloss. «Ich musste damals viel sparen und beschloss unter anderem die Kirchensteuer einzusparen. Da hier die Steuern einzig durch einen Austritt nicht mehr pflichtig sind, habe ich mich dazu entschieden», sagt sie. Sie habe aber dennoch weiterhin die Gottesdienste besucht. Nach dem Austritt habe sie sich genauso als Katholikin gefühlt wie vorher. «Ich bin überzeugt, dass ich mit der Taufe Christin geworden bin. Das kann kein politisches System ändern», sagt sie. Als sich ihre Situation geändert hat, ist sie wieder beigetreten.

Ein weiterer «Rückkehrer» erzählt, dass er schon als Kind zusammen mit seinen Eltern aus der Kirche ausgetreten sei. Zum Wiedereintritt hat er sich entschlossen, damit seine eigenen Kinder eine christliche Erziehung erhalten und religiöse Rituale wie etwa die Erstkommunion miterleben können. «Meine persönlichen Ansichten stimmen zwar längst nicht mit allen Standpunkten der katholischen Kirche überein, aber ich bin zur Einsicht gekommen, dass nicht immer alles perfekt sein muss.»