Nach dem Tod sind alle gleich

GEMEINSCHAFTSGRÄBER ⋅ Die Gaiserwalder sind unzufrieden mit ihren Gemeinschaftsgräbern und wollen Ersatz. Andernorts gehört das, was früher als «Grab der Einsamen» galt, zu den beliebtesten Beisetzungsarten. Dafür muss aber vieles stimmen.
17. April 2018, 17:58
Corinne Allenspach
So stellt man sich den Garten Eden vor. Die Vögel geben ein mehrstimmiges Konzert, Magnolien entfalten ihre weisse Blütenpracht, Primeln weben einen pastellfarbenen Teppich ins saftig-grüne Gras und überall summen und schwirren Insekten. Wären da nicht zahlreiche kleine Sockel in der Wiese verstreut, die mit einem gegossenen Namensschild versehen sind, man käme nicht auf die Idee, auf einem Friedhof zu sein. «Im Magnolienhain» ist eines von mittlerweile vier Gemeinschaftsgräbern auf dem Friedhof Feldli in St. Gallen. Markiert wird es von der Skulptur «Lebensbaum» der Künstlerin Irene Thoma. 

Bereits seit den 1950er-/60er-Jahren kann man sich im Feldli in einem Gemeinschaftsgrab beisetzen lassen. Dabei wird die Asche direkt über eine Mehrwegurne in die Wiese gestreut. Damals sprach man vom «Grab der Einsamen», beigesetzt wurden vor allem Menschen ohne Vermögen und Angehörige. So richtig aufgekommen ist diese Bestattungsform in St. Gallen mit dem 1998 eingeweihten Grab von Künstler Hans Thomann und Landschaftsarchitekt Paul Rutishauser. «Mittlerweile lassen sich vom Direktor bis zum Hilfsarbeiter alle Berufsgruppen im Gemeinschaftsgrab beisetzen», weiss Gerold Jung, seit 22 Jahren Leiter Friedhof Feldli und Bruggen. Die Zeiten, in denen sich Leute, die Geld hatten, ein pompöses Familiengrab leisteten, seien definitiv vorbei. «Bei vielen überwiegt heute der Gedanke, dass im Tod alle Menschen gleich sind.» 

Friedhöfe sind längst nicht mehr nur Ruhestätte und Gedenkort, sondern auch Grünraum und Naherholungszone. In der Stadt St. Gallen ist das Gemeinschaftsgrab mittlerweile die beliebteste Beisetzungsform. Aktuell findet gemäss Gerold Jung jede zweite Beisetzung in einem Gemeinschaftsgrab statt. 1978 wurden lediglich 57 Menschen so beigesetzt, 2013 waren es schon 205, vergangenes Jahr 268. 
 

Gaiserwalder Grab soll grosse Kraft ausstrahlen

Aber nicht nur in der Stadt St.Gallen wird diese Art der Beisetzung immer beliebter, auch in den Dörfern ist der Trend angekommen. Ende März hat die Gaiserwalder Bürgerversammlung einem Kredit von 280 000 Franken zugestimmt für die Gestaltung neuer Gemeinschaftsgräber in Abtwil und Engelburg. Zwar gibt es solche bereits seit der Jahrtausendwende, 2009 wurden sie aufgewertet. Allerdings: Die Asche wird in einem Betonrohr «versorgt», was viele Leute als unwürdig empfinden. So erstaunt es wenig, dass sich in den vergangenen 18 Jahren lediglich 40 Abtwiler und 22 Engelburger im Gemeinschaftsgrab beisetzen liessen. «Die Beisetzung war den Angehörigen nicht zuzumuten», sagte der Abtwiler Pfarrer Heinz Angehrn im März im «Tagblatt». 

Nach dem Ja der Bürgerversammlung wird sich die Friedhofskommission Ende April zur nächsten Sitzung mit Landschaftsarchitekt Paul Rutishauser treffen. Er hat bereits in vielen Gemeinden die Gemeinschaftsgräber mitgestaltet und weiss, worauf es ankommt. «Wichtig ist, dass ein Gemeinschaftsgrab innerhalb eines Friedhofs ein stark prägender Ort ist.» Das Grab müsse eigenständig sein, eine grosse Kraft ausstrahlen und der Gedanke der Gemeinschaft, die Gleichheit aller Menschen, müsse spürbar sein. Meist wird das Grab mit einer Skulptur mit Symbolcharakter ergänzt. So etwa seit Ende 2014 in Mörschwil mit dem «Lebensweg» von Hans Thomann, der den Blick direkt in den Himmel führt oder in Herisau, wo eine Stele mit Wasserfall den Eingang zum Grab markiert. Wie die Gemeinschaftsgräber in Gaiserwald dereinst genau aussehen werden, ist noch offen, da das Projekt in Entwicklung ist. Bauamtsmitarbeiter Patrick Schmid rechnet damit, dass die Gräber im Spätsommer eingeweiht werden können.

Auf fast allen Friedhöfen der Region finden sich heutzutage Gemeinschaftsgräber. Gepflegt werden sie von den Gemeinden statt von Privaten. Und wo man fragt, ist der Tenor derselbe: Die schlichte Beisetzungsform wird geschätzt. Es gibt aber auch Ausnahmen. Wenig glücklich ist Pfarrer Laszlo Szücsi mit dem vor rund einem Jahr eingeweihten Gemeinschaftsgrab in Eggersriet. «Die Leute haben keine Freude an der Skulptur, von der selbst ich nicht weiss, was sie darstellen soll.» Die Skulptur sei viel zu schlicht, es fehle die Farbe oder ein christliches Symbol, das für alle verständlich sei. «Man darf nie vergessen, für wen man baut», sagt der Pfarrer, der feststellt, dass sich in Eggersriet nur wenige Christen im Gemeinschaftsgrab beisetzen lassen wollen.