Mülenenschlucht: Die Angst der Anwohner

ST.GALLEN ⋅ In der Mülenenschlucht soll in einem Kleinwasserkraftwerk bald Strom für rund 100 Haushalte produziert werden. Während Umweltverbände nach ersten Abklärungen keine Bedenken mehr haben, regt sich in St. Georgen erster Widerstand.
15. Mai 2017, 07:33
Luca Ghiselll

Luca Ghiselll

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Die Stadt will die Kraft der Steinach für die Stromproduktion nutzen. Pläne für ein Kleinwasserkraftwerk in der Mülenenschlucht gibt es schon länger, nun geht das Projekt aber in die heisse Phase. Denn die Zeit drängt gleich aus mehreren Gründen: 2019 läuft der Antrag für Gelder der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) ab, mit welcher der Betrieb des Kraftwerks dereinst finanziert werden soll. Im Sommer 2018 will die Mühleggbahn AG ausserdem ihren Tunnel und die Standseilbahn vollständig sanieren. Im gleichen Zug soll auch das Kraftwerk gebaut werden. Das Wasser soll nämlich in einem kleinen Überlaufbecken bei der Bergstation der Bahn gefasst und in einer Druckleitung, die unter dem Trassee der Mühleggbahn verläuft, ins Kraftwerk geführt werden. Danach wird das Wasser in den Wirbelschacht bei der Talstation geleitet. Das Kraftwerk wird in der Talstation der Mühleggbahn erstellt, in jenem Raum, der bisher zeitweise als Ausstellungsraum genutzt wird. Damit sollen pro Jahr 300 Megawattstunden Strom, also genug für rund 100 Haushalte, produziert werden.

Flora und Fauna werden nicht beeinträchtigt

«Der Bau des Kraftwerks ist noch nicht beschlossene Sache», sagt Harry Künzle, Leiter des städtischen Amtes für Umwelt und Energie, auf Anfrage. Zwar liege sowohl das Konzessions- als auch das Bauprojekt bereits vor, nun folge das Plangenehmigungsverfahren beim Bundesamt für Verkehr. «Hauptaugenmerk ist dabei die Sanierung der Mühleggbahn. Das Kraftwerk ist sozusagen ein Rucksack davon.» Sobald die Pläne genehmigt würden, könnte dann das Stadtparlament entscheiden. Die Kosten für den Bau liegen bei rund 1,5 Millionen Franken. Eine erste Hürde hat das Projekt aber bereits genommen: WWF und Pro Natura senden positive Signale aus.

«Der Auf- und Abstieg von Fischen ist vom Kraftwerk nicht betroffen, da die Schlucht dafür ohnehin zu steil ist», sagt Martin Zimmermann, Geschäftsführer von WWF St. Gallen-Appenzell. Man habe aber, nachdem man von der Stadt über das Projekt informiert worden sei, eine Visualisierung der mittleren Wasserführung verlangt. «Diese würde 50 Litern pro Sekunde entsprechen, was dem gesetzlichen Minimum entspricht», sagt Zimmermann. Nachdem die Stadt ein Video angefertigt und auf Youtube gestellt hatte, konnte man sich aber vergewissern, dass diese Menge ausreiche, um auch die umliegende Flora mit Wasser zu versorgen. Christian Meienberger, Geschäftsführer von Pro Natura St. Gallen-Appenzell, stösst ins gleiche Horn. Er gibt aber zu bedenken, dass zwar nicht die Natur selbst, wohl aber das Naturerlebnis in der Mülenenschlucht unter einem Kleinkraftwerk leiden könnte. «Neben dem fachlichen braucht es in einer solch empfindlichen Situation also auch einen politischen Entscheid.» Diese Bedenken teilt Martin Boesch. Der ehemalige SP-Stadtparlamentarier engagiert sich aktiv bei Pro Natura und im Quartierverein St. Georgen.

Quartierbewohner sorgen sich um Naturerlebnis

«Einige Quartierbewohner sind der Auffassung, dass sich Nutzen und Verlust nicht aufwiegen», sagt Bosch. Heute sei die Schlucht eine Attraktion für Quartier und Touristen, 50 Liter pro Sekunde seien aber ein «kümmerliches Rinnsal» und kein Erlebnis mehr. Allerdings fehlten bisher genaue Angaben, wie die Wasserführung in der Schlucht sein werde. Boesch stört sich auch daran, dass die Stadt nur die Naturschutzverbände, nicht aber das Quartier über das Projekt informiert hat. «Das widerspricht dem Partizipationsreglement. Ich erwarte, dass das nachgeholt wird.»

Harry Künzle hofft bei der Wassermenge auch auf den Rütiweier. «Wenn der Damm dort fertiggestellt ist, können wir den Wasserverlauf gleichmässiger gestalten. So kann im Idealfall mehr Strom als projektiert produziert werden, ohne dass das Naturerlebnis darunter leidet.» Wer das Kraftwerk betreiben soll, steht noch nicht fest. «Denkbar wäre die Gründung einer AG oder einer Genossenschaft, vielleicht auch unter Einbezug des Quartiervereins», sagt Künzle. Ideal wäre eine Kooperation zwischen Privaten und der Stadt. Dank der KEV sollte das Kleinwasserkraftwerk «kostenneutral betrieben werden können».


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