"Luisa" weist in St.Galler Clubs vorerst nicht auf sexuelle Belästigung hin

ST.GALLEN ⋅ «Isch d Luisa do?» - diese Frage bedeutet in Winterthurer Nachtclubs: «Ich werde belästigt und brauche Hilfe.» Auch im St.Galler Nachtleben sind sexuelle Übergriffe ein Problem. Die Clubs begegnen ihm unterschiedlich.
13. Oktober 2017, 18:14
Adrian Lemmenmeier
Sexuelle Belästigung ist gibt es immer wieder. In Hollywood, am Arbeitsplatz oder im Nachtclub. In Winterthur hat man jetzt ein Codewort eingeführt, mit dem Betroffene in Bars und Clubs diskret darauf aufmerksam machen können, dass sie Hilfe brauchen. «Isch d Luisa do?» lautet der Satz. Wie diese Hilfe aussieht, können die Betroffenen selbst entscheiden. Das Personal ruft ihnen ein Taxi, benachrichtigt ihre Freunde oder holt die Polizei. Die Idee stammt aus Deutschland. Dort wird das Codewort mittlerweile in 31 Städten verwendet.

«Dieses Angebot ist sinnvoll», sagt Tina Krüger von der Opferhilfe St.Gallen und beider Appenzell. «Denn es bietet den Betroffenen die Möglichkeit, sich auf einfache Weise gegen sexuelle Belästigung zu wehren.» Gerade bei kleinen Vergehen könne man eine unangenehme Situation beenden, ohne gleich die Polizei rufen zu müssen. «Auch ist es zu begrüssen, dass sexuelle Belästigung in Nachtclubs stärker diskutiert wird.»
 

«Luisa» steht nicht auf der Gästeliste

In den Clubs kennt man das Thema. «Sexuelle Belästigung ist ein Problem, seit der Mann Genitalien hat, auch in Nachtclubs», sagt Dani Weder, Geschäftsführer des Kugls in St.Gallen. Gerade wenn Männer getrunken hätten, käme es vor, dass sie Frauen geschmacklos anbaggerten oder ihnen an den Hintern fassten. «Meistens lassen sich das die Frauen nicht gefallen», sagt Weder. Sie würden sich wehren oder sich bei den Sicherheitsleuten beschweren. Allerdings gäbe es eine Dunkelziffer von Frauen - oder auch Männern -, die sich sexuell drangsaliert fühlten, es aber niemandem mitteilten. «Gerade bei jungen Frauen kann ich mir vorstellen, dass einige zu schüchtern sind, etwas zu sagen.» Ein diskretes Codewort könnte diese Dunkelziffer minimieren, weil es die Hemmschwelle senke, sagt Weder. Konkrete Bemühungen, «isch d Luisa do?» auch in den St.Galler Clubs zum Hilfeschrei zu machen, gebe es derzeit aber nicht. «Wir haben das Thema im Verein «Nachtgallen» angesprochen», sagt Weder. Es stehe aber nicht explizit auf der Traktandenliste.

Auch beim Elephant-Club sieht man derzeit keine Notwendigkeit, "Luisa" einzuführen. «Wenn sich bei uns jemand belästigt fühlt, kann er sich ans Sicherheitspersonal oder an mich wenden», sagt Leonardo Simione, Geschäftsführer des Clubs. «Ich stelle den Beschuldigten dann zur Rede. Wenn nötig erteile ich Hausverbot oder rufe die Polizei.» In letzter Zeit sei dies nicht vorgefallen. Simione zeigt sich aber gegenüber einem Codewort als Hilfeschrei offen: «Wenn alle Clubs der Stadt mitmachen, finde ich das eine gute Idee.» 
 

Ein klares Zeichen gegen sexuelle Belästigung

Aktiver ist man beim Palace, der Grabenhalle und im Restaurant Schwarzer Engel. Die drei Lokale haben Mitte September eine Kampagne über sexuelle Belästigung im Ausgang gestartet. «No means No», steht auf ihren Plakaten. «Uns sind vermehrt Übergriffe im Ausgang aufgefallen», sagt Fabian Moesch vom Palace. Vor allem Frauen würden blöd angemacht, auf der Tanzfläche auch körperlich sexuell belästigt. «Wir wollen zeigen, dass wir sexuelle Übergriffe nicht tolerieren und dass wir den Betroffenen helfen», sagt Moesch. «Wird zum Beispiel jemand begrapscht, kann er oder sie sich ans Personal wenden. Dieses stellt die beschuldigte Person zur Rede und versucht den Konflikt zu lösen. Wichtig ist, dass dies ohne Gewalt geschieht», sagt Moesch. Nun sensibilisiere man alle Mitarbeiter. «Damit sie wissen, was zu tun ist, falls jemand um Hilfe bittet.»

Auch im Palace, im «Engel» und in der Grabenhalle ist die Frage «Isch d Luisa do?» derzeit kein Hilferuf.  «Wir finden, dass man sexuelle Vergehen offen kommunizieren soll», sagt Moesch. Er schliesst aber nicht aus, dass das Palace irgendwann ein diskretes Codewort für sexuelle Belästigung einführt. So könnte «Luisa» doch noch nach St.Gallen kommen.  

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