Kritik an städtischer Verkehrspolitik

ST.GALLEN ⋅ Der Verzicht auf ein Tram löst unterschiedliche Reaktionen aus: Während einige ihre Enttäuschung über den Stadtrat äussern, ärgern sich andere über die Bevorzugung des öffentlichen Verkehrs. Einige sind sich alle: Das Thema ist noch nicht vom Tisch.
04. Oktober 2017, 06:56
Christoph Renn

Christoph Renn

christoph.renn@tagblatt.ch

Wie in Zürich oder Basel hätte dereinst auch in St.Gallen wieder ein Tram verkehren sollen. Die Idee sah eine Strecke zwischen Stocken und Heiligkreuz vor. Doch aus der Vision wird so schnell nichts: Kanton und Stadt stellen das Tram vorerst aufs Abstellgleis. Dem Entscheid seien viele Monate der Prüfung der technischen Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit vorausgegangen. Die Reaktionen der Parteien und Verkehrsvereine könnten unterschiedlicher nicht sein: Sie reichen von Gleichgültigkeit über bittere Enttäuschung bis hin zu vorsichtigem Optimismus.

Eine Tramlinie von Gossau bis Wittenbach

Allen voran äussert Ruedi Blumer, Co-Präsident des VCS, sein Bedauern über den Entscheid, die Idee eines Tramsystems in St.Gallen abzuwürgen: «Dass der Kanton auf den Bremsen steht, ist nicht überraschend. Jedoch bin ich von der Stadt sehr enttäuscht», sagt er. Auch wenn Stadträtin Maria Pappa behauptet, dass das Projekt nicht einfach in einer Schublade verschwinde, sei klar, dass die Vision dadurch wieder um zehn Jahre verschoben werde. «Dabei ist allen Beteiligten bewusst, dass das Tram die beste Lösung für den öffentlichen Verkehr auf den Strassen ist», sagt Blumer. Und er geht noch einen Schritt weiter: «Ginge es nach mir, müsste man sogar eine Tramlinie von Gossau bis nach Wittenbach prüfen. Das Stadion wie auch die Olma müssten erschlossen sein.» Sicher sei, dass die Diskussion dringend weitergeführt werden müsse. Auch wenn Stadt und Kanton einen Rückzieher gemacht haben. Seinen Ärger über den Stadtrat äussert auch Peter Olibet, Präsident der städtischen SP. «Es war allen klar, dass das Tram nicht von heute auf morgen auf den St.Galler Strassen verkehren wird.» Mit diesem Entscheid sende der Stadtrat jedoch ein klares und deutliches Signal: Diese Strategie im öffentlichen Verkehr soll nicht weiterverfolgt werden. «Ich ärgere mich über diese mutlose Verkehrspolitik des Stadtrates», sagt Olibet. Bevor ein Projekt wie das Tram abgeschrieben werde, hätte man zuerst die Entwicklung im öffentlichen Verkehr beobachten müssen. Geht es nach Olibet, ist ein Tram schon längst überfällig. «Bevor die Arena gebaut wurde, hätte eine Tramlinie in den Westen verlegt werden sollen. So herum hätte es laufen sollen.» Deshalb ruft er, wie Ruedi Blumer, dazu auf, das Thema trotzdem weiterhin auf dem Radar zu behalten.

«Der öffentliche Verkehr kommt immer zuerst»

Optimistischer äussert sich Karin Winter-Dubs, SVP-Fraktionspräsidentin, zum Entscheid von Kanton und Stadt: «Realistisch betrachtet vermag die Stadt ein solches Projekt im Moment nicht.» Jedoch rät auch sie, in ein paar Jahren zu schauen, wie sich der öffentliche Verkehr entwickelt. Und zwar nicht nur auf den Strasse, sondern auch in der Technologie. «Es könnte ja sein, dass es in naher Zukunft eine neue Lösung gibt, die finanzierbar und besser ist als ein Tram», sagt Winter-Dubs. Denn der öffentliche Verkehr sei ein wichtiger Teil einer Stadt. Ihr sei aber wichtig, dass alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt berücksichtigt werden.

Überhaupt nicht gleichberechtigt schätzt Luigi Rossi, Präsident der TCS Sektion St.Gallen Appenzell, die heutige Situation ein. Ob ein Tram kommt oder nicht, sei ihm völlig egal. «Jedoch muss sich in der städtischen Verkehrspolitik dringend etwas ändern», sagt er. Es könne nicht ­angehen, dass ständig leere Postautos und VBSG-Busse hintereinander durch die Stadt fahren. Für ihn ist der Fall klar: «Die Politik ist immer pro öffentlicher Verkehr.» So würden beispielsweise immer wieder ohne Kritik Bus­linien verlängert. «Ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer», ergänzt Rossi. In der Stadt gebe es bereits jetzt ein Überangebot im öffentlichen Verkehr, was die rückläufigen Zahlen der VBSG zeigen würden. Zudem dürfe nicht ausser Acht gelassen werden, dass auch Postautos die Luft verschmutzten.

«Am System Bus grundsätzlich festhalten»

Vorsichtiger kommentiert Roger Dornier, FDP-Fraktionspräsident, den Verzicht auf ein städtisches Tram. «Der Wechsel zu einem Tramsystem müsste fundamental sein. Das würde faktisch eine Abschaffung der heutigen Busse bedeuten.» Dass dies sehr aufwendig, teuer und in der städtischen Topografie kaum machbar wäre, sei selbstredend. «Insofern ist es vordergründig nachvollziehbar, dass man am System Bus im Grundsatz festhält», sagt Dornier. Jedoch ergänzt er, dass die VBSG sich möglichst offen gegenüber allen Entwicklungen zeigen und auch aktiver als bislang wahrnehmbar alles prüfen müssten.


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