Frauen haben keine Lust auf Lokalpolitik

REGION ST.GALLEN ⋅ Zwei Wahlsiege steigern die Frauenquoten in den Räten von St.Gallen und Gossau. Auf dem Land aber bleibt ihr Anteil minimal. Die Frauen suchen die Gründe bei sich selbst.
02. Dezember 2017, 13:49
Noemi Heule

Noemi Heule

noemi.heule@tagblatt.ch

Der vergangene Wahlsonntag stand in der Region St.Gallen im Zeichen der Frauen. Gleich zweimal schafften sie den Sprung in die Stadtregierung. In St.Gallen verdoppelt Sonja Lüthi (GLP) auf einen Schlag den Frauenanteil im Stadtrat. Sie übernimmt den Sitz des verstorbenen Nino Cozzio und ist neben Maria Pappa (SP) die zweite Frau im fünfköpfigen Gremium. Auch in Gossau tritt eine Frau in die Fussstapfen eines Mannes: Claudia Martin (SVP) setzte sich gegen zwei Mitbewerber durch und erreichte das absolute Mehr bereits im ersten Wahlgang. Wenn auch äusserst knapp: Nur zwei Stimmen gaben den Ausschlag. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte geben damit Frauen in Gossau den Ton an. Sie stellen drei von fünf Mitgliedern der Stadtregierung.

St.Gallen und Gossau, die beiden grössten Gemeinden in der Umgebung, stehen mit diesem neu gewonnenen Frauenanteil vergleichsweise gut da. Auf dem Land nämlich weisen die Gemeinden weit tiefere Quoten auf. In der Regel ist eine Frau vertreten – und zwar unabhängig von der Grösse des Gremiums. Einzig in Eggersriet sitzen seit Anfang Jahr zwei Frauen im siebenköpfigen Gemeinderat.
 

Ein Gemeinderat in Männerhand

Die zweite Ausnahme ist Wittenbach: Alle sieben Sitze des Rates sind in Männerhand. Es sei für die Parteien schwierig Frauen für das Amt zu motivieren, sagt Gemeindepräsident Fredi Widmer. Viele würden sich die Aufgabe nicht zutrauen. Widmer selbst würde sich über weibliche Kolleginnen durchaus freuen: «Eine Frau tut der Gruppendynamik immer gut», ist er überzeugt. Sie bringe eine andere Sicht in die Behörde.

Nicht nur in Wittenbach ist es schwierig, Frauen für Ämter zu gewinnen. Die Häggenschwilerin Gaby Helfenberger (parteilos) musste regelrecht dazu überredet werden, wie sie sagt. «Ich war skeptisch und habe an mir gezweifelt.» Nur dank des Zuspruchs aus ihrem Umfeld habe sie sich der Wahl gestellt. Heute fühle sie sich wohl im Amt, auch wenn sie gerne eine Kollegin an ihrer Seite hätte: «Frauen ticken einfach anders.» Für viele Mütter sei es allerdings schwierig genug, Familie und Beruf zu vereinen. Eine weitere Aufgabe liege nicht auch noch drin.

Diese Doppel- und Dreifachbelastung führt auch Yvonne Brülisauer-Schai (FDP) als möglichen Grund für die tiefe Frauenquote in den Gemeinden an. Nach 13 Jahren im Gaiserwalder Gemeinderat sei sie «ernüchtert». Zu Beginn ihrer Amtskarriere machten die Frauen die Hälfte des Gremiums aus. Nun bleibt sie als Einzige zurück. Ob in der Partei oder Gemeinde: «Die Frauen melden sich nicht von selbst», sagt sie. Während Männer sich bereits vorsorglich für vakante Posten anböten, wollten sich die Frauen nicht exponieren. «Frauen müssen sich der Situation stellen», sagt sie. Sie selbst möchte den Einblick in unterschiedlichste Bereiche nämlich nicht missen.
 

Blitzableiter und Beschwerdebriefkasten

Im Unterschied zu den Gemeinderäten sind Frauen im Schulrat stärker vertreten. Nicht aber an dessen Spitze. Obwohl das Ressort Schule gemeinhin als Domäne der Frauen gilt, stehen sie nur in Waldkirch, Berg und Wittenbach dem Schulrat vor. Ruth Keller, Schulpräsidentin von Wittenbach, vermutet, dass dies wiederum mit dem Selbstvertrauen zu tun hat: «Als Amtsträger ist man der Öffentlichkeit ausgesetzt und ein breiter Rücken ist von Vorteil.» Man müsse damit leben, es nicht allen recht machen zu können. Schliesslich sei die Schulpräsidentin manchmal auch Blitzableiter oder Beschwerdebrief­kasten.


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