Kein Dudelsack in St. Gallen

UNTERHALTUNG ⋅ Nur knapp hundert Strassenmusiker haben während des Sommers in St. Gallen gespielt. Viele Strassenmusiker bevorzugen andere Städte. Grund dafür sind die zum Teil skurrilen Gesetze für die Musikanten.
14. Oktober 2017, 05:17
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

stadtredaktion

@tagblatt.ch

In vielen Städten gehören Strassenmusiker und -künstler während der Sommermonate zum Stadtbild. In St. Gallen allerdings geht es diesbezüglich ruhiger zu und her. Gerade einmal knapp hundert Personen haben bei der Stadtpolizei von Juni bis August eine Tagesbewilligung gelöst. Gemäss Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei St. Gallen, ist das für St. Gallen ein durchschnittlicher Wert. «Im Sommer ist bezüglich Strassenmusik normalerweise immer weniger los, grösser ist der Andrang in der Adventszeit», sagt er. Bis Ende Jahr rechnet er mit 400 Bewilligungen, bis Ende September waren es 293. Auch das sei Durchschnitt.

Sperrgebiete für Musiker

Die Tagesbewilligung in St. Gallen kostet 30 Franken. Pro Tag werden maximal drei Bewilligungen erteilt. Die Ausgabe erfolgt ab 13.30 Uhr. In den Sperrzonen, wozu die Multergasse, die Marktgasse, der Bärenplatz und die Spisergasse gehören, können die Künstler und Musiker nur am Donnerstag und Samstag auftreten. Hinzu kommen weitere Einschränkungen: Gruppen dürfen nicht aus mehr als drei Personen bestehen, sich nicht länger als 20 Minuten am selben Ort aufhalten und Tonverstärker sowie «lautstarke Instrumente, wie Dudelsack und Schlaginstrumente» sind verboten. Auch dürfen keine Tiere wie etwa Hunde die Strassenmusiker begleiten, damit keine falschen Anreize für Geldspenden gesetzt werden, sagt Dionys Widmer.

St. Gallen gehört nicht gerade zu den beliebtesten Städten für Strassenmusiker. Skurrile Regelungen gibt es aber in jeder Stadt. Nicht selten kommen Strassenmusiker deswegen mit dem Gesetz in Konflikt. Schweizweit für Aufmerksamkeit gesorgt hat diesbezüglich der Luzerner Strassenkünstler Marcello Palermo alias «Cello Inferno». Immer wieder legt er sich öffentlich mit der Polizei an. Weil er für seine selbstgebauten Instrumente einen Verstärker braucht, wird er häufig weggewiesen und gebüsst. «Meine Instrumente funktionieren nur über einen Verstärker, was natürlich aber nicht heisst, dass ich diesen voll aufdrehe», sagt er.

Strassenkünstler entkriminalisieren

In diesem Jahr hat Palermo nun den Verein strassenkunst.ch gegründet, der aktuell rund 30 Mitglieder zählt. Ziel und Zweck des Vereins ist es, Strassenkünstler zu entkriminalisieren und Strassenkünstler auch schweizweit zu vernetzen. «In den vergangenen Jahren wurden die Bestimmungen immer strenger. Wir Strassenkünstler werden in unserer Kunstfreiheit zunehmend eingeschränkt», sagt er.

Ein weiteres Ziel des Vereins ist es, einen Spendenfonds aufzubauen, mittels dem die Bussen von Strassenmusikern beglichen werden können, die dadurch in finanzielle Not geraten. «Dass gerade Innenstädte zu Sperrzonen für Strassenmusiker erklärt werden und diese je nach Stadt schon nach 20 Minuten den Platz wechseln müssen, erschwere es sehr, vom Verdienst als Strassenmusiker leben zu können», sagt Palermo. Andererseits kann er auch die Sicht der Städte nachvollziehen: «Mit den Regelungen schützen sie sich beispielsweise vor der Handörgeli-Mafia, also vor jenen Musikern, die stundenlang dieselben drei Takte spielen.»

Bedingungen sind nicht attraktiv

Eine spezielle Regelung gibt es diesbezüglich bei der Stadtpolizei Winterthur. Dort müssen Strassenmusiker beim ersten Gesuch ihr Talent beweisen und bei der Gewerbepolizei vorspielen. Ansonsten unterscheidet sich die Situation nicht gross von jener in St. Gallen. Durchschnittlich werden rund 470 Bewilligungen pro Jahr erteilt. Während der drei Sommermonate waren es in diesem Jahr 106 Bewilligungen. Einzelpersonen und Paare bezahlen 25 Franken pro Tag, Gruppen mit mehr als zwei Personen 50 Franken. Für Marcello Palermo sind die Bedingungen östlich von Zürich allerdings nicht attraktiv genug, um hier in der Region aufzutreten. Zu seinen Lieblingsstädten gehört Basel. Dort seien die Spielzeiten super geregelt. Man dürfe zu jeder vollen Stunde dreissig Minuten spielen. «Zudem ist die Basler Polizei kulant. Sie drückt immer mal wieder ein Auge zu.»


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