Verkehrsregime am St.Galler Bahnhof: Bussen aus Bequemlichkeit?

FAHRVERBOT ⋅ Schon einen öffentlichen Platz umzugestalten, ist kein einfaches Unterfangen. Die damit einhergehenden Änderungen am Verkehrsregime durchzusetzen, ist es aber noch weniger. Das erlebt die Stadtpolizei derzeit an der östlichen Zufahrt zum Bahnhofplatz.
04. Dezember 2017, 14:36
Reto Voneschen

Reto Voneschen

reto.voneschen@tagblatt.ch

In den vergangenen Wochen herrschte in den sozialen Medien zeitweise ein wenig Aufruhr. Autofahrer, die an der östlichen Zufahrt zum St. Galler Bahnhofplatz von der Polizei gebüsst worden waren, beschwerten sich. Die Uniformierten hätten es aufs Portemonnaie der Motorisierten abgesehen, um die Stadtkasse aufzubessern, wurde kritisiert. Unters Volks gebracht würden Strafzettel zu 100 Franken – völlig willkürlich, wie eine Gebüsste sich am Telefon aufregte. Überraschend zahlreich waren allerdings in den Social Media Voten für die Polizei.


Die Erklärung für die Bussen ist einfach: Seit Ende Oktober gilt an seiner östlichen Zufahrt das definitive Verkehrsregime für den umgebauten Bahnhofplatz. Auf der Bahnhof- und der Poststrasse zu Füssen des Rathauses, vor dem Eingang zum Zivilstandsamt, durften während der Umgestaltungsarbeiten Bahnreisende abgesetzt und abgeholt werden. Wobei der eine oder andere Motorisierte die dafür eingezeichneten Abstellplätze auch für einen Kurzhalt zum Einkaufen im Laden gleich dahinter nutzte. Dann fuhr man per Spitzkehre von der Bahnhof- in die Poststrasse und verliess den Bereich des Platzes.

Nur noch für Taxis und für die Warenanlieferung

Viele haben sich an diese bequeme Zufahrtsmöglichkeit gewöhnt. Damit ist jetzt aber vorbei: Anfang Oktober wurde das neue Verkehrsregime für den Bahnhofplatz auch beim Rathaus signalisiert. Es ist eine Begegnungszone, die mit einem Fahrverbot für Motorfahrzeuge überlagert ist. Der öffentliche Verkehr, Taxis, Velos und Fussgänger haben auf dem Platz freie Fahrt. Zudem sind Motorfahrzeuge für die Anlieferung zugelassen. Wobei das Bringen und Holen von Reisenden und Brautpaaren nicht als Anlieferung gilt: Die Zufahrt für Reisende befindet sich hinter dem Bahnhof unter der Fachhochschule («Kiss and Ride») und an der Lagerstrasse. Brautpaare müssen sich mit einem Parkplatz in der Rathaus-Parkgarage oder einem weissen Parkfeld an der Bahnhofstrasse oder Schützengasse behelfen.

Die Änderung des Verkehrsregimes habe nichts damit zu tun, dass die Stadtpolizei Bussen zu Gunsten der Stadtkasse einsammlen wolle, hält Polizeisprecher Roman Kohler fest. Die neuen Vorschriften seien Bestandteil des Umgestaltungsprojektes für den Bahnhofplatz. Sie seien daher auch nicht von der Polizei, sondern von den Verkehrsplanern ausgetüftelt worden. Das wird beim städtischen Tiefbauamt bestätigt: Die Zufahrten zum Bahnhofplatz seien Engpässe, die man freihalten wolle, damit der öffentliche Verkehr rollen könne. Die Bahnhofstrasse beim Rathaus müsse zudem zusätzliche Aufgaben übernehmen, für die es Platz brauche. Die eine Strassenseite diene der Warenanlieferung. Auf der anderen Seite lägen Nothalteplätze für Busse und Postautos. Dies, damit sie einen Ort hätten, um kurz ausstellen zu können, falls es auf dem Bahnhofplatz einmal zum Stau komme.
 

Die Stadtpolizei muss die Regeln durchsetzen

Die Polizei sei zuständig, die neuen Verkehrsregeln beim Rathaus durchzusetzen, sagt Polizeisprecher Kohler. Und ein Instrument dafür seien Bussen für jene, die die klare Signalisation an den Eingängen zum Platz nicht beachteten. Ohne sie gehe es leider nicht. Dass es dabei nicht um möglichst hohe Einnahmen für die Stadtkasse gehe, zeige allein schon das Vorgehen bei der Einführung des neuen Regimes, sagt Kohler.

Nach Signalisierung des neuen Fahrverbots beim Bahnhofpärklein hatte die Polizei Lenkerinnen und Lenker, die trotzdem hineingefahren waren, während dreier Wochen nicht gebüsst, sondern über das neue Verkehrsregime informiert. Am 24. und 25. Oktober wurden erstmals Bussen verteilt. Über 60 waren es, wobei die Kontrolle schwerpunktmässig, die Polizei also über einen längeren Zeitraum anwesend war. Und diese Zahl, so sagt Roman Kohler, sei für die Stadtpolizei zu hoch gewesen. Da­rum habe man einen zweitägigen Stopp eingelegt und die an sich klare Signalisation überprüft und weiter verstärkt. Eine weitere Massnahme soll noch folgen (siehe Kasten).

Nach der zweitägigen Bussenpause nahm die Stadtpolizei ihre Schwerpunktkontrollen zur Durchsetzung des neuen Verkehrsregimes wieder auf: Die Zahl der Bussen ging zwar zurück, liegt aber mit bis zu einem Dutzend pro Tag immer noch relativ hoch. Dies zeige, dass die Regeln zu wenig akzeptiert würden, sagt Roman Kohler. Den Eindruck können Passantinnen und Passanten für den Samstag und Sonntag durchaus bestätigen: Auf den Anlieferungsplätzen beim Rathaus stehen immer wieder Autos, die offensichtlich keine Waren liefern.
 

Gewohnheit und Unkenntnis, aber auch Bequemlichkeit

Dass es Zeit braucht, bis ein neues Verkehrsregime breit akzeptiert wird, ist für Roman Kohler nicht wirklich eine Überraschung. Diese Erfahrung mache die Polizei immer wieder. Darum gehe man ja grosse Wechsel zuerst mit einer Informationskampagne an. Viele missachteten neue Verkehrsregeln schlicht aufgrund «der Macht der Gewohnheit». Sie hätten sich so an ein bestimmtes Verhalten gewöhnt, dass ihnen Änderung im ersten Moment nicht einmal auffielen. Dann gebe es andere, die Verkehrsregeln missachteten, weil sie Mühe hätten, sich an einer ihnen unbekannten Örtlichkeit zu orientieren. Und natürlich gebe es auch jene, die Vorschriften bewusst verletzten. Weil es eben bequem sei, direkt vor einem Laden auf dem Abstellplatz für die Anlieferung zu parkieren.


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