Kaminfeger mit sozialer Ader

ABSCHIED ⋅ Nach 35 Jahren geht Kaminfegermeister Hans Zürcher Ende Jahr in den Ruhestand. In seinem Arbeitsleben hat er viel erlebt. Einmal hielt ihm jemand einen Revolver an den Kopf.
15. Dezember 2017, 06:45
Perrine Woodtli

Perrine Woodtli

stadtredaktion

@tagblatt.ch

Im Restaurant Linsebühl haben sich Arbeiter zur Kaffeepause eingefunden. Als Hans Zürcher die warme Stube betritt, wird er von allen Gästen begrüsst. Auch hier kommt der Kaminfegermeister nicht drumherum: Alle sprechen ihn auf seine Pensionierung an. «Du hast’s verdient», meint die Kellnerin. Seit 35 Jahren arbeitet Zürcher als Kaminfeger in der Stadt. Ende Jahr geht er in den Ruhestand. «Jetzt ist es genug», sagt Zürcher. «Das sage ich ohne Groll. So ist es genau richtig.»

Er würde den speziellen Beruf wieder erlernen, sagt er. «Ja, doch. Mir gefällt die Arbeit sehr.» Als Jugendlicher wusste er nach der Schule aber noch nicht, wohin es ihn treiben wird. Seine Mutter war es, die ihm vorschlug, sich bei einem Kaminfegermeister zu melden, der einen Lehrling suchte, erinnert sich Zürcher, der in Untereggen aufgewachsen ist. Nach dem Gespräch war Zürcher überzeugt. «Ausschlaggebend war, dass ein Kaminfegermeister selbstständig ist», sagt er. «Genau das wollte ich: Mein eigener Herr und Meister sein.»

20 Meter den Kamin hinauf

Heute blickt Zürcher auf 35 Jahre als Kaminfegermeister zurück. Sein Beruf habe sich «wahnsinnig stark verändert». Früher, als noch in jedem Haus Holz- oder Kohleheizungen standen, gab es für die Kaminfeger reichlich Arbeit. Als Lehrling befreite Zürcher täglich Öfen von zwei Zentimeter dicken Russschichten. Heute sei alles bequemer und sauberer, es gibt Staubsauger und Reinigungsmaschinen – eine angenehme Veränderung, findet er. Da heute alle auf Erdwärme umsteigen, wird die Arbeit der Kaminfeger immer weniger. «Früher benötigten wir pro Haus einen halben Tag. Heute bist du nach einer Stunde fertig. Die Leute besitzen kaum noch Heizungen und Öfen», sagt der 64-Jährige. Ihn erstaunt es daher nicht, dass weniger Kaminfeger benötigt werden. «Als ich angefangen habe, gab es noch acht Meister in der Stadt. Jetzt sind es noch zwei.» Die Aufgaben an sich seien jedoch noch die selben: An erster Stelle steht der Feuerschutz. Die Kaminfeger sind für die Reinigung sowie die Kontrolle aller Feuerungsanlagen zuständig. Kamine hinaufklettern muss Zürcher nicht mehr. Früher stand dies an der Tagesordnung. «Ich stützte mich jeweils mit den Ellbogen ab und stiess mich hinauf. Manchmal 20 Meter hoch.»

Während den 35 Jahren ging Zürcher in zahlreichen Haushalten ein und aus. Dabei stiess er oft auf prekäre Situationen. «Ich habe von Messies bis zu verwahrlosten Leuten alles angetroffen.» In diesen Momenten war der Kaminfeger mit seiner sozialen Ader auch Helfer. «Ich habe öfters den Sozialdienst gerufen als die Feuerpolizei.» Er wollte stets helfen. «Meistens hat es geklappt.» Wenn Zürcher seine Geschichten erzählt, gestikuliert er mit seinen schwarzen Händen. Und er lacht viel. «Ich habe tolle Menschen kennen gelernt. Natürlich auch schwierige. Aber eigentlich habe ich alle Menschen gern.» Eine Begegnung war aber doch eher ungemütlich. «Einmal hat mir einer seinen Revolver an den Kopf gehalten und mir gedroht, ich soll richtig putzen. Das war ein Spinner.»

Seiner Pensionierung sieht Zürcher gelassen entgegen. Er freut sich auf die Zeit mit den vier Enkeln und auf das Reisen mit seiner Frau. 68 Länder haben die beiden bislang bereist. Im Februar unternehmen sie eine Kulturreise durch Europa, im Herbst reisen sie um die Welt. Angst, dass er nicht weiss, was er mit seiner Zeit anfängt, hat Zürcher keine. «Meine Frau und ich haben viele Interessen. Wenn wir zwei Stunden nichts machen, haben wir das Gefühl, etwas zu verpassen.» In seinen letzten zwei Wochen verabschiedet sich Hans Zürcher nun von seinen Kunden. Zum Abschied schenkt er allen eine goldige Glücksmünze. Danach hängt er sein schwarzes Gewand an den Nagel.


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