Ingrid Jacober will in die Stadtregierung

ST.GALLEN ⋅ Die Grünen der Stadt St.Gallen beteiligen sich an der Ersatzwahl vom Herbst für den Stadtrat. Als Kandidatin um die Nachfolge von Nino Cozzio (CVP) haben sie am Samstagvormittag Ingrid Jacober nominiert. Die 49-Jährige ist politisch ein unbeschriebenes Blatt und ausserhalb ihrer Partei weitgehend unbekannt.
Aktualisiert: 
24.06.2017, 11:00
24. Juni 2017, 10:12
Dass sich die Grünen mit einer Kandidatur für die Stadtratsersatzwahl vom 24. September nicht einfach taten, war klar, seit die Parteileitung bekanntgegeben hatte, sich an den Exekutivwahlen beteiligen zu wollen. Verschiedene prominent in der Stadtpolitik engagierte Grüne kamen für eine Kandidatur nicht in Frage. Sei es, weil sie unter anderem gerade beruflich oder auch mit Mutterpflichten anderweitig engagiert sind, sei es, weil sie noch zu jung und erst am Anfang einer beruflichen Karriere stehen. Eine Verlegenheits- oder Alibilösung sei die Kandidatur von Ingrid Jacober deswegen auf keinen Fall, betonte Parteipräsidentin Susanne Hoare am Samstag auf Anfrage. Die Grünen stünden voll und ganz hinter ihr und gingen mit Überzeugung in den bevorstehenden Wahlkampf. Ingrid Jacober sei nicht nur wählbar, sie sei auch eine gute Wahl und werde als zweite Frau dem Stadtrat als Gesamtgremium auch „klimatisch“ gut tun.
 

Vor allem im Quartier engagiert

Es sei ihr sehr ernst mit dieser Kandidatur, sagte auch Ingrid Jacober am Samstag an der Nominationsversammlung im Café Scherrer. Die gebürtige Appenzellerin und gelernte Typografin hat im Alter von 30 Jahren die Ausbildung zur Sozialarbeiterin gemacht und anschliessend sieben Jahre die Jugendinformation "tipp" in St. Gallen geleitet. Heute arbeitet sie als Sozialpädagogin bei der städtischen Tagesbetreuung für Schulkinder. Stark engagiert ist Ingrid Jacober in ihrem Wohnquartier Tschudiwies-Centrum. Hier sitzt sie im Vorstand des Quartiervereins und hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach für Projekte wie einen Kindertreffpunkt oder eine Tempo-20-Zone stark gemacht.
 

 Kandidatin „für die Anliegen der ganzen Bevölkerung“

 Ingrid Jacober wurde am Samstagvormittag von 18 grünen Frauen und Männern einstimmig bei einer Enthaltung zur Stadtratskandidatin gekürt. Es sei richtig und wichtig, dass sie als alleinerziehende Mutter und Frau mit viel Berufserfahrung kandidiere und im Wahlkampfe grüne Positionen mit Vehemenz vertrete, sagte Parteipräsidentin Susanne Hoare. Mit Stadtrat Nino Cozzio trete Ende Jahr ein Mann zurück, „der anerkanntermassen den menschenfreundlichen Flügel der CVP“ vertrete. Für ihn brauche es eine würdige Nachfolgerin. Und das sei Ingrid Jacober.
 
In einer Stadt wie St.Gallen brauche es „progressive, fortschrittliche Kräfte“ in der Regierung, doppelte Franziska Ryser für die Jungen Grünen nach. Die Kandidaturen von CVP und SVP entsprächen anders als die grüne Kandidatin nicht dieser Anforderung. Ingrid Jacober hingegen setzte sich „für die Anliegen der ganzen Bevölkerung“, für die Natur oder auch für die Anliegen der Jungen ein. Mit ihr im Stadtrat werde darin „die ganze Diversität St.Gallens abgebildet“. Und mit ihr in der Regierung seien darin die Frauen wieder angemessen vertreten.
 

Jetzt ist die SVP am Zug

Mit der Nomination von Ingrid Jacober beginnt der Poker um den Stadtratssitz des auf Ende Jahr zurücktretenden Nino Cozzio ernsthaft. Am Montag entscheidet als nächste Partei die SVP über eine Kandidatur. Von der Parteileitung vorgeschlagen dafür ist Stadtparlamentarier und Unternehmer Jürg Brunner. Bereits nominiert hat die CVP: Sie will ihren Sitz in der Stadtregierung mit dem Kantonsrat und Gaiserwalder Gemeindepräsident Boris Tschirky verteidigen.

Noch offen ist, was Grünliberale und FDP in Hinblick auf die Stadtratsersatzwahl planen. Bei beiden Parteien ist der Entscheidungsprozess noch nicht abgeschlossen. Die GLP will sich am 3. Juli erklären. Bei der FDP ist ein Informationstermin noch offen. Ob die Freisinnigen sich nach der Schlappe vom Herbst 2016 erneut auf das Wagnis einer Kampfkandidatur einlassen, dürfte weitgehend davon abhängen, ob sich jemand dafür zur Verfügung stellt. Es ist durchaus möglich, dass sich die Partei hinter die offizielle CVP-Kandidatur stellt. Vom politischen Profil her müsste Boris Tschirky für sie akzeptabel sein. Das gilt allerdings auch für das Profil von Jürg Brunner, der nicht als Hardliner, sondern als gemässigter SVP-Politiker gilt. (vre)

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