«Wir haben die St.Leonardskirche nicht einfach ‹vertschuttet›»

STELLUNGNAHME ⋅ Im Rückblick sei der Verkauf der Kirche St.Leonhard ein Fehler gewesen, sagt ein Experte für Kirchenumnutzungen. Der damalige Kirchenpräsident Karl Gabler würde jedoch alles wieder genau gleich machen.
27. September 2017, 05:19
Christina Weder

Christina Weder

christina.weder@tagblatt.ch

Eigentlich sollte ein Kultur- und Eventzentrum daraus entstehen. Doch die Kirche St.Leonhard steht seit bald zehn Jahren leer. Vergangene Woche sagte Johannes Stückelberger, Kunsthistoriker und Experte für Kirchenumnutzungen, der Verkauf der Kirche sei ein Fehlentscheid gewesen (Ausgabe vom 22. September). Es sei damals einiges schiefgelaufen – mangels Erfahrung mit der Umnutzung von Kirchen. Er ist überzeugt, dass man es heute anders machen würde.

Den Vorwurf will Karl Gabler nicht auf sich sitzen lassen. Als damals frisch gewählter Kirchenpräsident hatte er den Verkauf der Leonhardskirche im Jahr 2005 unter Dach und Fach gebracht. Im Rückblick sagt er: «Es war kein Fehler, sondern ein Vernunftsentscheid.» Der Kirchgemeinde Centrum sei damals nichts anderes übrig geblieben. Wie andere Kirchgemeinden kämpft auch sie mit rückläufigen Mitgliederzahlen und knapper werdenden Finanzen. «Ich bereue nichts und würde es wieder gleich machen», sagt Gabler. «Wir haben die Kirche nicht blauäugig ‹vertschuttet›.»

«Es fielen Ziegel vom Dach»

Die Kirche St. Leonhard war für die Kirchgemeinde Centrum zunehmend zur Belastung geworden. Genutzt wurde sie damals vom Verein Offene Kirche. Da sich der bauliche Zustand des Gebäudes immer weiter verschlechterte, erteilte die Stadt nur noch befristete Betriebsbewilligungen von zwei Jahren. «Es fielen Ziegel vom Dach», erinnert sich Gabler. Die Kirchgemeinde sah sich mit geschätzten Sanierungskosten von 4,5 Millionen Franken konfrontiert. «Wir hätten uns überlupft», ist er überzeugt. Das Geld habe man lieber für wichtige Projekte ausgeben wollen – statt für ein Gebäude, das man nicht mehr brauchte.

Der Verkauf sei dann alles andere als einfach gewesen. «Die Käufer standen nicht gerade Schlange.» Man habe Inserate geschaltet und alle möglichen Institutionen und Privatpersonen angeschrieben. Am Schluss blieb eine Handvoll Interessenten übrig. Den besten Eindruck habe Architekt Giovanni Cerfeda hinterlassen, der vage Vorstellungen einer kulturellen Nutzung hatte.

Gabler wehrt sich auch gegen den Vorwurf, die Kirchgemeinde hätte eine Machbarkeitsstudie und ein Nutzungskonzept einfordern müssen. Aus Angst, der Käufer würde abspringen, habe man keine Ansprüche gestellt. «Er hätte sonst nicht unterschrieben.» Auch ein Rückkaufsrecht war im Verkaufsvertrag nicht enthalten. Die Kirchgemeinde veräusserte das Gebäude für einen symbolischen Betrag von 40000 Franken und war damit die finanziellen Sorgen der Sanierung los.

«Ich würde sie zurückkaufen»

Gabler sagt, er hätte nie gedacht, dass die Kirche so lange leerstehen würde – auch wenn solche Befürchtungen schon damals im Raum standen. Noch heute wird er darauf angesprochen, weshalb in der Kirche nichts läuft. Und irgendwie fühlt er sich verpflichtet, dass dort wieder Leben einkehrt. «Wenn ich könnte, würde ich die Kirche für 40000 Franken zurückkaufen.»

Da der Eigentümer einen Verkauf ausschliesst, verfolgt Gabler ein neues Vorhaben: Er versucht, die Beteiligten an einen Tisch zu bringen – Eigentümer, Denkmalpfleger und den Leiter des Amtes für Baubewilligungen. Vielleicht komme dadurch etwas in Gang. Wie schon damals sieht er das Positive: «Immerhin ist die Kirche schöner als zum Zeitpunkt, da wir sie verkauft haben.» Auch wenn sie jetzt leer steht.


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