Jede Minute zählt: Im Einsatz mit der St.Galler Ambulanz

«ZEIT IST HIRN» ⋅ Wenn jemand notfallmässig medizinische Hilfe braucht, beginnt die Arbeit der Rettungssanitäter. In ihrem Alltag geht es nicht immer um Leib und Leben. Nach einem Schlaganfall aber zählt jede Minute.
28. Juli 2017, 19:38
Roger Berhalter

Roger Berhalter

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Die Rettungssanitäter Beda Suter und Donat Amherd sitzen gerade beim Kaffee, als der Pager Alarm schlägt. «Cerebral verwirrt» heisst es auf dem Display, dazu eine Adresse in Goldach. Die spärlichen Informationen müssen vorerst reichen. «Häufig wissen wir nicht besonders viel, wenn wir losfahren», sagt Suter. Die Sanitäter lassen den Kaffee stehen und eilen nach unten in die Garage der St.Galler Ambulanz, einem von elf Stützpunkten im Kanton (siehe Zweittext). Die Notrufzentrale hat die Koordinaten schon in den Krankenwagen übermittelt. Amherd rast mit Blaulicht und Sirene über den Asphalt, Suter navigiert mit dem iPad. Die anderen Autos machen Platz, Rotlicht gilt für die Sanitäter nicht, selbst das Blitzen des Radargeräts auf der Autobahn lässt sie unberührt.

Beda Suter ist seit acht Jahren Rettungssanitäter, seit Anfang Jahr zudem Ausbildner, und der 31-Jährige kennt die Höhen und Tiefen des Jobs. Einerseits die Nachteile: unregelmässige Arbeitszeiten mit Nachtschichten, kaum Aufstiegsmöglichkeiten, hohe emotionale Belastung. Für ihn überwiegen aber die positiven Aspekte. Ein Rettungssanitäter könne viele Medikamente in eigener Verantwortung verabreichen und habe mit allen Altersklassen und allen möglichen medizinischen Fällen zu tun: vom Kind bis zum Greis, vom Sturzgeplagten bis zum Unfallopfer. «Wir können den Leuten helfen und Schmerzen lindern.»

Der Krankenwagen hält in Goldach. Der Patient, ein älterer Herr, steht schon an der Tür. Kurz zuvor noch konnte er kaum reden und gehen («cerebral verwirrt»). Als er im Krankenwagen auf der Bahre liegt, starten die Sanitäter mit der Untersuchung. Miteinander sprechen sie Fachjargon, dem Patienten hingegen erklären sie mit einfachen Worten, was gerade passiert. Sie entscheiden schnell, die Handgriffe sitzen, schliesslich sagt Suter: «Es könnte sein, dass Sie einen Schlaganfall haben.» Er legt eine Infusion, sein Kollege setzt sich ans Steuer, nach nur zehn Minuten vor Ort braust der Krankenwagen schon wieder davon. «Time is brain, Zeit ist Hirn», sagt Donat Amherd. Je schneller man nach einem Schlaganfall reagiere, desto mehr Hirnareale liessen sich retten. Dieser Einsatz verläuft wie im Lehrbuch. Um 10.13 Uhr hat der Patient den Notruf 144 gewählt, um 10.15 Uhr sind die Rettungssanitäter losgefahren, und eine halbe Stunde später liegt der Patient schon in der Notaufnahme in St.Gallen.

Der Tod als ständiger Begleiter

Amherd ist 24 Jahre alt und am Ende seiner Ausbildung. In einem Monat wird er den dreijährigen Fachhochschullehrgang zum Rettungssanitäter abschliessen. Für ihn geht damit ein Kindheitswunsch in Erfüllung. Helfen und Leben retten, das sei seine Motivation. «Wir können etwas unternehmen, damit es den Leuten besser geht.» Fünf- bis sechsmal pro zehnstündiger Schicht rückt ein Notfallteam aus. Dabei verlaufe der Alltag weit weniger abenteuerlich, als man sich das vorstelle, sagt Beda Suter. Nicht immer gehe es um Leib und Leben, und zwischen den Einsätzen gelte es auch Fahrzeug und Material zu kontrollieren. Gleichzeitig aber sagt er: «Der Tod ist unser ständiger Begleiter.»


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