"Freiwillig kommt niemand in die Notaufnahme"

KANTONSSPITAL ⋅ Mehr als 110 Patienten werden täglich in der St. Galler Notaufnahme behandelt, Tendenz steigend. Die meisten dürfen danach wieder heim, viele müssen im Spital bleiben, in Lebensgefahr schweben nur die wenigsten.
02. August 2017, 15:34
Roger Berhalter

Roger Berhalter

roger.berhalter@tagblatt.ch

In der Zentralen Notaufnahme des St.Galler Kantonsspitals ist es an diesem Freitagmorgen ruhig. Sehr ruhig. "Ich kann nur mutmassen, weshalb", sagt Chefarzt Robert Sieber. Vielleicht wegen der Sommerferien? Oder weil es gerade regnet, also weniger Sport getrieben wird? Sieber gibt Einblick in die Notfall-Statistik: "Normalerweise geht es um 9 oder 10 Uhr morgens los." Bis zum Abend kämen durchschnittlich sechs oder sieben Patienten pro Stunde, ab 22 Uhr würden die Notfälle wieder seltener. Am Samstag seien es am meisten, am Dienstag am wenigsten.

Im Schnitt zählt die Notaufnahme gut 110 Patienten pro Tag. Nur ein Bruchteil davon sei aber "hochakut", sagt Sieber. Höchstens fünf Prozent aller Patienten schwebten in Lebensgefahr. Die Mehrheit werde ambulant behandelt und könne wieder heim, wenn die Blutung gestillt oder der Arm gegipst ist. Rund 40 Prozent bleiben zur Behandlung im Spital. Manche kommen auch wegen Bagatellen, doch Sieber stellt klar: "Subjektiv ist es immer ein Notfall. Freiwillig kommt niemand hierher."

Ein älterer Herr mit stechenden Bauchschmerzen sitzt im Triage-Raum. Hierher kommen die Patienten für eine erste Beurteilung. Auf dem Pult der betreuenden Triagepflege sind drei Bildschirme übereinander montiert. Überhaupt hängen hier in jedem Raum Bildschirme. Selbst in der Personalküche im oberen Stock sehen die Mitarbeiter jederzeit, ob der Triage-Raum frei ist, was sich am Eingang und im Wartebereich tut und wann der Rega-Helikopter landet. Die Übersicht zu behalten, ist in der Notfallstation entscheidend.

Robert Sieber führt durch die Räume der Notaufnahme. Da ist der "Kommandoraum" der Schichtleitung, voller Bildschirme und Telefone. Da ist der "Schockraum" und weitere drei Betten, wo die schweren Fälle zu liegen kommen. Der Raum mit der "Röhre", dem Gerät für die Computertomografie. Die Betten hinter Vorhängen, wo Patienten versorgt werden. Zwei etwas abseits liegende Zimmer, die es auch Schwerkranken erlauben, möglichst in Ruhe und Würde zu sterben. In der weitläufigen Notfallstation gibt es aber auch zwei Räume, in die sich bei Bedarf Familienangehörige zurückziehen können.

Jedes Jahr kommen zwei Prozent mehr Patienten

Insgesamt verfügt die Notaufnahme des Kantonsspitals über 29 Behandlungsplätze. "Wir sind hochmodern und umfassend ausgerüstet", sagt Sieber. Und es kommt noch besser: Im Neubauprojekt des Kantonsspitals wird in einigen Jahren auch eine moderne Notaufnahme

entstehen. Das ist laut Sieber auch nötig: "Wir verzeichnen jedes Jahr zwei Prozent mehr Patienten." Zudem würden in den nächsten Jahren viele Hausärzte in der Stadt pensioniert, ohne dass die Nachfolge geregelt sei. "Viele dieser Patienten kommen in Zukunft zu uns."

Sieber arbeitet seit bald 20 Jahren als Notfallmediziner, seit März leitet er die St.Galler Notaufnahme. Als Generalist in einem Team im Spital zu arbeiten, täglich mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einen ins Vertrauen ziehen: All das bezeichnet der 59-Jährige als Geschenk. Er und seine Mitarbeiter kämen aber auch an Grenzen. Besonders dann, wenn Patienten sie an Privates erinnern. Seit sein Sohn sich für Motorräder interessiere, betreue er verletzte Töfffahrer anders, sagt Sieber, "mit weniger Distanz". Meist sieht er seinen Job aber nüchtern als ein feinfühliges Handwerk: "Wir wollen eine saubere Leistung anbieten – eine kompetente, persönliche Betreuung."


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