Die Kaltblüter unter dem Glasdach

WECHSELWARM ⋅ Im Tropenhaus des Botanischen Gartens gedeihen nicht nur Pflanzen. Auch Hunderte Geckos und Frösche besiedeln das Gewächshaus – und nicht alle Tiere wurden bewusst dort ausgesetzt.
27. Juli 2017, 06:35
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Der Tropenhausgärtner staunte nicht schlecht, als es an einem Mai-Abend vor 19 Jahren plötzlich aus dem Pflanzendickicht pfiff. Ein Tag, nachdem im damals noch neuen Tropenhaus im Botanischen Garten Pflanzen aus dem Basler Pendant ausgesetzt worden waren, hallten Lockrufe durch die gläserne Halle. Was konnte das sein? Ein Kontrollgang mit der Taschenlampe verschaffte Klarheit: Nicht etwa ein Vogel, sondern ein knapp 2,5 Zentimeter langer männlicher Antillen-Pfeiffrosch sang da mitten in der neuen Pflanzenlieferung. Seine Lockrufe wurden wohl auch von weiblichen Artgenossen gehört, denn die Frösche vermehrten sich im Laufe der Zeit. Wer von April bis Oktober, zum Beispiel an der Museumsnacht, abends durch das Tropenhaus schlendert, kann das Pfeifen kaum überhören.

«Wir sind unfreiwillig zu unserem Hausorchester gekommen», sagt Hanspeter Schumacher, Leiter des Botanischen Gartens. Es sei schon vorgekommen, dass einige Frösche ausgebüxt seien und dann auf der Wiese neben dem Tropenhaus pfiffen. «Wir haben auch schon Beschwerden deswegen erhalten», sagt Schumacher. In der Natur könnten die Antillen-Pfeiffrösche hier aber nicht überleben. «Sie würden erfrieren.»

Dank kleinen Haken flink von Ast zu Ast

Dass die Fauna mit der Flora als blinder Passagier ins Tropenhaus einreist, ist aber eher die Ausnahme als die Regel. «Wir setzen jedes Jahr zahlreiche Nützlinge im Tropenhaus aus», sagt Schumacher. Vor allem Milben, Schlupfwespen und Erzwespen: Sie sind natürliche Feinde einiger Schädlinge, die den Pflanzen zusetzen. Rund 2000 Franken lässt sich der Botanische Garten diese Einsetzungen pro Jahr kosten.

Zur Schädlingsbekämpfung wurden im Februar 2001 auch drei Paare Goldstaub-Taggeckos im Tropenhaus eingesetzt. Heute leben rund 300 der etwa zwölf Zentimeter langen tagaktiven Echsen im Tropenhaus. «Ein Experte bezeichnete den Bestand hier einmal als den grössten ausserhalb Madagaskars», sagt Schumacher und lacht. Denn zutreffen dürfte diese Aussage wohl nicht, gut tönen tue sie aber allemal. Wer die Geckos sehen will, sollte den Botanischen Garten bei Sonnenschein besuchen. «Wenn es bewölkt ist, verkriechen sie sich sofort», sagt Schumacher. Im Winter habe er sie auch schon entlang der Heizungsrohre klettern gesehen. «Sie haben kleine Haken an den Füssen.» Damit bewegen sich die Tiere auch überhängend von Ast zu Ast. Ob die Geckos ihren ursprünglichen Zweck – die Schädlingsbekämpfung im Tropenhaus – tatsächlich erfüllen, bezweifelt Schumacher. «Sie fressen Schädlinge, aber auch Nützlinge.» Wahre Allesfresser eben, und Publikumslieblinge noch dazu.

Der Bestand reguliert sich von selbst

Keine der im Tropenhaus lebenden Tiere werden gefüttert oder gepflegt. Es sei wie in der Natur, sagt Schumacher. «Wenn es nicht genug Futter hat, gehen mehr Jungtiere ein, und so reguliert sich auch der Bestand.» Für Futter und Pflege fehlt es dem Botanischen Garten an Ressourcen. «Und schliesslich sind wir immer noch ein Botanischer Garten und kein Zoo.»


Leserkommentare

Anzeige: