Die Gruppe Wald war ihm zu blöd

EVERGREEN ⋅ Sergio Colacino wurde 1999/2000 mit dem FC St. Gallen Schweizer Meister. Der Italiener hatte in St. Gallen die beste Zeit seiner Karriere. Nur das Trikot von Gianfranco Zola bekam er nicht.
09. August 2017, 07:42
Daniel Wirth

Daniel Wirth

daniel.wirth@tagblatt.ch

Er hatte gerade das Maturazeugnis erhalten und eine Herzoperation hinter sich, als er von Roberto Böckli zu einem Probetraining beim FC St.Gallen eingeladen wurde. Sergio Colacino war 20 und spielte damals, 1998, im Nachwuchsteam der Zürcher Grashoppers. Zuvor hatte er als Teenager beim FC Baden im Fanionteam in der Nationalliga B gespielt. «Manager Erich Vogel glaubte wohl, ich würde es nicht ins GC-Starensemble schaffen», sagt Sergio Colacino. St.Gallen-Trainer Roger Hegi befand den jungen Italiener jedenfalls für NLA-tauglich. Doch als Sergio Colacino im Januar 1999 bei St.Gallen zum ersten Training antrat, war Hegi nicht mehr Übungsleiter; er war ersetzt worden durch Marcel Koller. «Ich fühlte mich sofort wohl in der Ostschweiz», erinnert sich Sergio Colacino. Er kannte Giorgio Contini, den aktuellen Trainer des FC St.Gallen, von seiner Zeit beim FC Baden, und mit Goalie Jörg Stiel pflegte Colacinos Vater eine Bekanntschaft.

Trainer Marcel Koller schätzte Sergio Colacino als «intelligenten Fussballer, der weiss, was er kann», wie er einmal sagte. Koller setzte den jungen schnellen Linksfuss auf der Aussenbahn ein. In der Meistersaison 1999/2000 brachte es Sergio Colacino auf 20 Einsätze. «Diese Saison war phänomenal», erinnert sich Colacino. «Wir hatten keine Stars, wir waren einfach ein super Kollektiv.» Die Spieler machten seinerzeit auch neben dem Rasen viel miteinander. Nach dem Mittagessen im «Goldenen Schäfli» an der Metzgergasse gab es jeweils eine Pokerrunde. Diese bildete Colacino zusammen mit Marc Zellweger, Sascha Müller, Giuseppe Mazzarelli und Giorgio Contini.

Insgesamt absolvierte er 76 Meisterschaftsspiele, 5 Cup-Partien, 9 Europacup- und 3 UI-Spiele für den FC St.Gallen. «Das Auswärtsspiel gegen Galatasaray Istanbul werde ich nie vergessen», sagt Sergio Colacino. «Dieser Lärm, diese Fans.» Auch die Spiele gegen den FC Chelsea im Zürcher Hardturm-Stadion und im Stadion an der Stamford Bridge in London zählen zu Colacinos Karrierehöhepunkten. Im ersten Spiel gegen die Engländer musste der Mittelfeldspieler aus taktischen Gründen auf der ­Ersatzbank Platz nehmen. Beim Aufwärmen fragte der junge Sergio Colacino seinen Landsmann und Chelsea-Spieler Gianfranco Zola, ob er nach der Partie mit ihm das Trikot tausche. «Sì», antwortete der italienische Internationale. Nach dem Schlusspfiff ging Colacino auf Zola zu – und ging leer aus. Zola hatte sein Trikot bereits mit Ivan Dal Santo getauscht. Colacino war ihm deswegen nicht gram.

Von Trainer Heinz Peischl in den Wald geschickt

Im Frühling 2002 wurde der Linksaussen an den FC Wil ausgeliehen. «Trainer Gerard Castella setzte nicht mehr auf mich», sagt Colacino. In Wil machte er ein erstes Mal Bekanntschaft mit Heinz Peischl. «Wir verstanden uns nicht.» Als er nach einem ­halben Jahr auf die Saison 2002/2003 hin zu den «Espen» zurückkehrte, stiess er im Frühling 2003 wieder auf den Österreicher Peischl. Dieser sortierte Sergio Colacino zusammen mit anderen Meisterspielern wie Ionel Gane oder Luiz Filho Jairo in die Gruppe Wald – eine Trainingsgruppe für nicht mehr erwünschte Spieler – aus. «Die Nachricht, ich sei nicht mehr im Kader, sendete mir Sportchef Tino Osta in den Ferien aufs Handy», sagt ­Colacino, um anzufügen: «Die Gruppe Wald war mir zu blöd.»

Trotz eines laufenden Vertrages wechselte Colacino zum FC Wohlen in die Nationalliga B. Dort lernte er seine heutige Ehefrau kennen – und kam zur Erkenntnis, «dass es mit der ganz grossen Karriere wohl nicht mehr klappen wird». Colacino begann ein Studium an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Seit neun Jahren arbeitet er nun schon als Sekundarlehrer in Wohlen. Dort wohnt er zusammen mit seiner Familie; Colacino ist Vater zweier Buben im Alter von vier und sechs Jahren.

Nach vielen Wanderjahren und total zwölf Saisons in den höchsten beiden Schweizer Ligen beendete er 2010 seine Karriere im Schweizer Spitzenfussball. Er trainiert heute den FC Mutschellen (2. Liga regional), für den er in der vergangenen Saison in der 3. Liga auch noch hie und da spielte und so zum Aufstieg beitrug.

FC St.Gallen – FC Luzern

Heute, 20 Uhr, Kybunpark;

Matchtipp Sergio Colacino: 2:0


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