Als sich die Tauben tummelten

GURREN ⋅ Es ist noch nicht lange her, dass sich Behörden und Gewerbe der Stadt fragten: Was tun mit all den Tauben? Heute ist die Aufregung um die Plage verflogen – und doch werden die Vögel manchmal geschossen.
11. August 2017, 08:31
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Die Tauben und die Stadt St. Gallen, das ist keine einfache Beziehung. Irgendwie gehört das Federvieh zum Stadtbild, und trotzdem haben die Vögel nur wenig Freunde. In den letzten Jahren ist es ruhig geworden um die «Ratten der Lüfte», wie die Tauben wenig schmeichelhaft auch genannt werden.

Doch das war nicht immer so. Rund zehn Jahre ist es her, dass die Stadttauben Gewerbe und Behörden gleichermassen umtrieben. Die Gassengesellschaften beklagten eine regelrechte Taubenplage. Das Federvieh trippelte quer über Tische in den Gartenbeizen, verschmutzte Hausfassaden und flog zum Teil sogar in Verkaufsläden hinein. Die Stadtpolizei reagierte mit verschiedenen Massnahmen, unter anderem mit einer Plakataktion. Auf 400 Exemplare wurde der Taubenbestand in der Stadt damals geschätzt. Und heute? Was ist übriggeblieben von der vermeintlichen Plage, welche Behörden und Gewerbe über Jahre hinweg beschäftigte?

Weniger Tauben, weniger Reklamationen

Noch immer versucht die Stadtpolizei, mit «Tauben nicht füttern»-Plakaten und anderen Massnahmen wie Netzen oder Stacheln den Bestand zu regulieren. Wie viele Tauben heute in der Stadt leben, kann Dionys Widmer, Sprecher der Stadtpolizei, nicht genau sagen. Die Vögel würden immer wieder neue Nistplätze suchen.

Es sei also fast unmöglich, deren genaue Anzahl zu bestimmen. «Vom Gefühl her sind es aber weniger als noch vor zehn Jahren.» Auch die Reklamationen seien zurückgegangen. «Reklamationen von Gewerbetreibenden erhalten wir nur noch sehr selten», sagt Widmer. Die Versuche, den Taubenbestand zu regulieren, seien also gelungen. Dass sich Hausbesitzer beschweren, komme aber immer wieder einmal vor. Die Tauben können der Bausubstanz nämlich schwer zusetzen. Jeder Vogel scheidet pro Jahr nämlich zwölf Kilo Kot aus. Und der führt nicht nur zu höheren Reinigungskosten, sondern greift auch die Fassade an.

Der Bestand soll sich von selbst regulieren

Besonders in Hinterhöfen nisten sich die Vögel oft ein. Wenn alle baulichen Massnahmen nichts mehr nützen, greift die Stadtpolizei in Ausnahmefällen und als letzte mögliche Massnahme auch zum Gewehr. Noch bis in die 1990er-Jahre beschäftigte die Stadt eigens einen Taubenjäger, heute erledigt das der Tierschutzbeauftragte der Stadtpolizei. Die Tauben werden jeweils mit einer kleinkalibrigen Waffe mit Schalldämpfer geschossen. «Wir achten aus Sicherheitsgründen zudem darauf, dass wir solche Aufgaben nur dann angehen, wenn die Passantenströme gering sind», sagt Widmer. Wie oft Tauben in der Stadt pro Jahr geschossen werden, kann Widmer nicht sagen. «Es kommt aber sicher jedes Jahr vor.» Warum sollte man die Tiere nicht füttern? «Weil sie sich dann noch stärker vermehren als sonst», sagt Widmer. Bis zu zwölf Junge zeugen Tauben pro Jahr.

Mitte der Nullerjahre sorgten sich Gewerbler in der Innenstadt wegen einer Taubenplage. Zoom

Mitte der Nullerjahre sorgten sich Gewerbler in der Innenstadt wegen einer Taubenplage.

Wenn der Taubenbestand wächst, schadet das indes nicht nur Hausfassaden, sondern auch anderen Tieren und Menschen. Die Vögel sind nämlich Krankheitsüberträger. Wer entgegen der Empfehlung der Stadtpolizei Tauben füttert, muss aber keine Busse befürchten. «Dazu haben wir keine Handhabe», sagt Dionys Widmer. Es sei aber im Sinn aller, dass sich der Taubenbestand irgendwann von selbst reguliere. Und dazu gehöre auch, die Tiere weder abschiessen zu müssen noch sie zu füttern.


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