Wilde Gämsen in der Stadt

ST.GALLEN ⋅ Immer wieder werden auf Stadtgebiet frei lebende Gämsen beobachtet. Diesen Sommer sind sie regelmässig beim Wildpark Peter und Paul zu sehen – und stiften dort bei den Besuchern Verwirrung.
08. August 2017, 07:02
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

«Nein, die sind nicht bei uns ausgebrochen.» Diesen Satz hat Regula Signer, die Parkwärterin des Wildparks Peter und Paul, diesen Sommer häufig gesagt. Immer wieder hat sie nämlich Anrufe von Parkbesuchern und Anwohnern erhalten, die auf der Wiese unterhalb des Wildkatzengeheges am Waltramsberg zwei Gämsen gesichtet hatten. Die beiden Tiere sind aber nicht etwa aus dem Gehege des Wildparks ausgebrochen, sondern leben in freier Natur.

Im Goldachtobel zu Hause

Gämsen in der Stadt? Für Wildhüter Mirko Calderara nichts Neues. «Im Goldachtobel lassen sich schon seit mehreren Jahrzehnten Gämse beobachten», sagt er. Bereits in seiner Kindheit habe er die Gämsen im Tobel beobachten können. Zwischenzeitlich sei deren Bestand zwar zusammengefallen, er habe sich aber wieder erholt. «Es kommt immer mal wieder vor, dass Waldgämsen auf Stadtgebiet gesichtet werden», sagt Calderara. Nicht nur beim Wildpark Peter und Paul, auch im Kubel hielten sich in der Nähe der Felswand Waldgämse auf. Dort seien sie aber häufiger im Winter als im Sommer anzutreffen. «Wahrscheinlich kommen sie aus dem Appenzellerland in die Stadt hinunter», sagt Calderara. Manche blieben ein paar Wochen oder Monate, andere würden sich auch länger auf Stadtgebiet aufhalten.

Plakate klären Parkbesucher auf

Parkwärterin Regula Signer hat nun Plakate im Wildpark Peter und Paul angebracht, die darauf hinweisen, dass die Gämsen am Waldrand frei lebend sind. «Es ist nicht das erste Jahr, dass wir wilde Gämsen hier oben haben», sagt Signer. Im Sommer würden sich junge Böcklein jeweils ein neues Revier suchen und kämen zu diesem Zweck in die Stadt. Der Gedanke, die Gämsen seien aus dem Gehege des Wildparks ausgebrochen, sei indes nicht abwegig. «Wir hoffen aber, dass die angebrachten Plakate nun Klarheit schaffen», sagt sie.

Toni Bürgin hat die Waldgämsen bei Peter und Paul Ende Juli fotografiert. Der Direktor des Naturmuseums hatte immer wieder von wilden Waldgämsen auf Stadtgebiet gehört, doch noch nie Bildmaterial davon gesehen. «Also bin ich selbst mit der Kamera vorbei und habe die Gämsen prompt auf der Waldlichtung unterhalb des Wildkatzengeheges entdeckt», sagt Bürgin. «Eine Stadt mit einem Wildbestand an Gämsen ist doch etwas Besonderes.» Ihm sei zwar bekannt gewesen, dass unterhalb von Eggersriet ein Gamsrudel beheimatet sei. «Dass sich die Jungtiere aber bis nach Rotmonten zum Wildpark hochbegeben, war mir allerdings neu.»

Fünf Beobachtungen wurden gemeldet

Ein Blick auf die Homepage des Projekts Stadtwildtiere St. Gallen zeigt indes, dass die Sichtung der Gämsen am Waltramsberg nicht die einzigen sind. Auf der Homepage können Stadtbewohne­rinnen und Stadtbewohner Be­obachtungen von Wildtieren ­melden – von geläufigeren Eichhörnchen über Dachse bis hin zu Mauerseglern. Auch Gams-Sichtungen sind auf der Homepage aufgeführt – wenn auch nicht ­besonders zahlreich. Insgesamt wurden auf der Homepage www.stadtwildtiere.ch fünf Beobachtungen von Gämsen gemeldet: Zweimal in der Notkersegg unterhalb der Hardungstrasse, einmal im Vogelherd, einmal unterhalb des Schaugenbädlis und einmal im Wolfganghof unweit der Haggenbrücke.

Dass Gämsen auf Stadtgebiet nicht nur Anlass zur Freude sein können, zeigt ein Fall aus Österreich. Auf dem Salzburger Hausberg, dem Kapuzinerberg, hausten in den vergangenen Jahren acht bis zehn Gämsen. Diese trauten sich immer weiter in die Stadt hinunter und hinterliessen dort in den Gärten der Anwohner massive Schäden. Die «Altstadtgämsen», wie sie genannt wurden, waren zur Plage geworden. Gegenüber dem Österreichischen Rundfunks beschrieb eine Anwohnerin die Lage wie folgt: «Die gehen nicht weg. Da muss man mit Steinen werfen.»

Inzwischen hat sich die Situation in Salzburg wieder beruhigt. Und in der Stadt St. Gallen sind die Gämsen für die Bewohnerinnen und Bewohner keine Plage, sondern viel eher eine kleine Sensation.


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