Kinder rund um die Uhr betreuen

HOTELKRIPPE ⋅ Kinder werden in der Hotelkrippe St.Gallen nach Wunsch auch über Nacht gehütet. Die Stadt sieht das Angebot als Ergänzung zu ihrem Angebot – jedoch sieht sie keinen Nachholbedarf.
29. Juli 2017, 08:08
Christoph Renn

Christoph Renn

christoph.renn@tagblatt.ch

Wohin mit den Kindern? Diese Fragen stellen sich viele junge ­Eltern. Sei es wegen der Arbeit, oder weil die Zeit zu zweit zu kurz kommt, besonders während der Sommerferien. Seit rund einem Jahr gibt es in der Stadt St.Gallen ein Angebot, das eine zusätzliche Antwort auf diese Frage gibt. Die Hotelkrippe St.Gallen an der Poststrasse 12. Und wie es der Name verspricht, bietet diese Krippe ihren Service rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, auch während der Ferien an. «Wenn man betrachtet, dass wir den Betrieb erst vor einem Jahr aufgenommen haben, ist unsere Auslastung sehr zufriedenstellend», sagt Geschäftsführerin Sarah Jyoti Bösch. Sie fülle mit der Hotelkrippe eine Lücke im städtischen Angebot. «Wir sind flexibler, haben längere Öffnungszeiten und gehen individuell auf die Bedürfnisse der Kunden ein.»

Auch wenn die Anzahl der Anmeldungen bei der Hotelkrippe darauf hindeuten, dass es eine Nachfrage nach einem solchen Angebot gibt, fühlt sich die Stadt nicht veranlasst, nachzuziehen. Auch sehen die Verantwortlichen im neuen Angebot keine Kon­kurrenz. «Es ist eher eine Ergänzung», sagt Katja Meierhans vom städtischen Amt für Gesellschaftsfragen. «Es war und ist jedoch kein Thema, eine ähnliche Krippe aufzubauen.» Mit den jetzigen Kinderkrippen biete die Stadt eine Grundversorgung. Ziel der Stadt sei es, so die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. «Das Angebot der Hotelkrippe geht jedoch über den Grundbedarf hinaus.»

Ein Tag kostet 94 Franken

Die Anmeldungen bei der Hotelkrippe zeigen, dass vor allem ­Kinder von Personen aus Pflege, Detailhandel und Gastronomie auf das Angebot zurückgreifen. Neben den längeren Öffnungszeiten sei vor allem die Flexibilität ein Vorteil ihrer Krippe. «Wir führen keine Warteliste», sagt Bösch. Dies sei vor allem für ­Pflegefachleute wichtig, welche von Woche zu Woche in andere Schichten eingeteilt werden. «Unser Angebot richtet sich auf die heutigen Strukturen des Arbeitsmarktes aus.»

Die flexiblen Öffnungszeiten kosten jedoch auch etwas. Ein ganzer Tag, 7 bis 18 Uhr, mit Mittagessen kostet pro Kind 94 Franken. Die zweite Tageshälfte mit Abendessen, 13 bis 21.15 Uhr, schlägt mit 85 Franken zu Buche. Sie könne nicht wie die Kinderkrippen, die von der Stadt subventioniert werden, die Preise nach dem Einkommen berechnen. Jedoch habe sie einen Fonds angelegt – aus dem Jahresbeitrag der Kunden – um finanziell schlechter gestellten Eltern eine Unterstützung zu bieten. Im Vergleich: Für subventionierte Plätze in der Kinderkrippe startet der Tarif pro Tag bei 25 Franken. Dieser Tarif gilt bei einem steuerbaren Einkommen bis 25 000 Franken. Ab 90 000 Franken Einkommen kostet ein Tag 89 Franken. Danach variiert der Tagessatz je nach Öffnungszeiten einer Kinderkrippe. Bei einer Öffnungszeit von 12,5 Stunden zahlen die Eltern 101.50 Franken. Die Kosten seien für Bösch jedoch nicht der entscheidende Punkt: «Meine Kunden schätzen vor allem den Wert der Flexibilität», sagt sie.

Städtische Kinderkrippen haben eine Warteliste

Dass sich das Konzept der Hotelkrippe in St. Gallen nachhaltig bewährt, bezweifelt Angela Epple, Leiterin der Globi-Kinderkrippe St. Gallen, die von der Stadt ­subventioniert wird. In Zürich oder anderen grossen Städten sei die Nachfrage nach solchen Plätzen sicherlich grösser. «Es ist gut, wenn es auch in St. Gallen ein solches Angebot gibt», ergänzt sie.

Bei ihren Anmeldungen habe sie jedoch nichts von der neuen Krippe gespürt. Im Gegenteil: «Wir sind stets gut ausgelastet.» Deshalb sehe sie in der Hotel­krippe keine Konkurrenz. So gibt es auch in ihrer Globi-Kinder­krippe St. Gallen eine Warteliste. «Einen Platz nach den Sommerferien zu bekommen, ist jedoch realistisch, weil dann viele Kinder in die Schule wechseln», sagt Epple. Schwieriger werde es zwischen Herbst und Frühling.


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