Gift bis in die Federspitzen

ARSEN ⋅ In Winterthur werden Tierpräparate aus den Schulen verbannt, weil sie hohe Werte an Arsentrioxid aufweisen. Auch Präparate im St.Galler Naturmuseum sind mit dem krebserregenden Stoff versehen.
02. August 2017, 21:14
Adrian Lemmenmeier
Die Schulbehörden der Stadt Winterthur haben Anfang Juli einen Entscheid gefällt, der aufhorchen liess: Sämtliche Tierpräparate wurden aus den Schulhäusern der Stadt verbannt. Der Grund: Bei einer Messung hatten 88 von 95 Präparaten einen überhöhten Wert an Arsentrioxid aufgewiesen – eine Säure, die Krebs verursachen kann.

Doch mit Arsen behandelte Tierpräparate in Schweizer Schulen und Museen sind keine Seltenheit, auch nicht in St.Gallen. «Wie viele unserer Präparate einen kritischen Arsenwert aufweisen, kann ich nicht genau sagen», sagt Toni Bürgin, Direktor des Naturmuseums. «In unserer Daueraustellung sind es vermutlich 30 bis 40 Exemplare.»
 

Weit weg von Kinderhänden aufgestellt

Bürgins Vermutung basiert auf der Tatsache, dass Arsentrioxid bis in die 1970er-Jahre zum Präparieren von Tieren verwendet wurde. Die Mehrheit der Exponate im Naturmuseum stammt aus der Zeit zwischen 1850 und 1930. Damals wurde Arsenseife verwendet, um Schadinsekten von den  Fellen und Gefiedern der präparierten Tiere fernzuhalten. Ob und wie stark einzelne der über 3000 Präparate im Naturmuseum mit Arsen kontaminiert sind, ist unklar. Bei punktuellen Messungen seien die Werte teilweise unter der kritischen Grösse von 1000 Milligramm pro Kilogramm gelegen, teilweise aber auch deutlich darüber.

Die Aufregung um die arsenbelasteten Exponate kann Bürgin nur bedingt nachvollziehen. «Ich verstehe, dass einige Leute verunsichert sind», sagt er. «In Fachkreisen ist die Arsenbelastung von Tierpräparaten aber seit langem bekannt.» Bei einem fachgerechten Umgang seien die Präparate nicht gefährlich.

Fachgerecht heisst: nicht berühren. Denn Arsen gelangt nur durch direkten Kontakt in den Körper; der Stoff entweicht bei Raumtemperatur nicht in die Luft. «Die Präparate im Naturmuseum dürfen nicht angefasst werden», sagt Toni Bürgin. «Jene, von denen wir wissen, dass sie eine hohe Arsenbelastung aufweisen, stehen ausserdem in den hinteren Reihen – weit weg von Kinderhänden.» Wenn es  zu einer Berührung käme, würde es ausreichen, sofort die Hände gründlich zu waschen, um einer Vergiftung zu entgehen. Gefährlich wird es, wenn Arsen in den Mund gelangt.

Der giftige Stoff kann aber auch in die Atemwege gelangen – und zwar über den Staub, der sich auf Präparaten ablagert. Zwar wurde das früher rege verwendete Arsen jeweils auf die Innenseite der Tiere gepinselt, es kann aber bis in die Federspitzen des präparierten Tieres eindringen. Bildet sich nun Staub auf dem Präparat, ist auch dieser arsenhaltig. Um zu verhindern, dass Arsen in den Staub gerät, würden die Exponate im Naturmuseum regelmässig mit einem Staubsauger gesäubert, sagt Bürgin. Er warnt ausserdem davor, das Kind mit dem Bade auszuschütten: Präparate zu entsorgen,  nur weil sie arsenbelastet sind – wie in Winterthur vorgesehen –, findet er übertrieben. «Schliesslich haben die Objekte häufig auch einen historischen Wert.»
 

Alte Exemplare auch in Schulen

Ins gleiche Horn stösst Sabrina Beutler von der Pressestelle des Verbandes Naturwissenschaftlicher Präparatorinnen und Präparatoren (VNPS). «Präparate pauschal aus den Schulhäusern zu entfernen, erachten wir als absolute Überreaktion.» Die Tiere in den Schulhäusern seien bereits seit Jahrzehnten arsenbelastet. Neue Messungen gäben keinen Anlass zu Kurzschlussreaktionen. Den Arsengehalt der Präparate prüfen zu lassen, sei aber auf jeden Fall sinnvoll. Besonders dann, wenn die Präparate älteren Datums seien oder zum Berühren vorgesehen seien. Auch das Naturmuseum St.Gallen will weitere seiner Exponate auf überhöhten Arsengehalt prüfen lassen. Ebenso will man sicher gehen, dass sich in jenem Bestand, der ausgeliehen wird, keine alten Exponate befinden.

Doch Präparate stehen nicht nur im Museum: Genau wie in Winterthur dürften auch in St.Galler Schulen noch ältere Präparate vorhanden sein. «Auch hier gilt es sicherlich, ganz genau hinzuschauen», sagt Toni Bürgin. Ob man ähnliche Massnahmen ergreift wie in Winterthur, wird sich zeigen. Das Amt Schule und Musik konnte wegen Ferienabsenzen zum Thema vorerst keine Stellung nehmen.

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