Ein nachhaltiger Deal

BÄREN ⋅
24. Juli 2017, 07:37
Beda Hanimann
Ein Alleinstellungsmerkmal ist er nicht, der Bär im St.Galler Wappen. Schon die unmittelbare Umgebung ist der reinste heraldische Bärenpark. Teufen, Speicher, Trogen, Bühler, Herisau, Stein, Hundwil, Gossau, Wil, lauter Bärenorte. Als das Magazin «Transhelvetica» sich vor zwei Jahren das Schwerpunktthema «Bär» gegeben hatte, zeigte es eine Schweizer Karte mit über 70 Ortschaften, die einen Bären in ihrem Wappen haben. Oder mindestens eine Bärentatze.

Mit einer so hübschen Legende wie St.Gallen kann aber niemand sonst aufwarten. Als Gallus in seiner Einsiedelei von einem Bären überrascht wurde, brachte er ihn dazu, ihm beim Holzsammeln zu helfen. Als Dank gab er dem Tier ein Brot – und bläute ihm ein, sich ja nie wieder blicken zu lassen. Ein nachhaltiger Deal, wie sich zeigen sollte.

Im Fussballstadion verschmelzen die Antipoden

Virtuell allerdings holten die St.Galler den Bären bald wieder zurück. Sowohl die Fürstabtei wie die Stadt erkoren ihn im Mittelalter zum Wappentier. In einer stolzen, aufrechten Version, anders als etwa der Berner Bär, der noch heute auf allen Vieren eine Böschung hoch kraxelt. Die Stadt durfte ihrem Wappenbären ab 1475 gar ein goldenes Halsband umlegen. Angeordnet hatte diese Adelung Friedrich III., nachdem ihm St.Galler Truppen im Kampf gegen Karl den Kühnen zu Hilfe geeilt waren.

Inzwischen ist der Bär omnipräsent in der Stadt. Er taucht in Vereinsnamen und auf Häuserfassaden auf. Er hat als Begleiter von Gallus Unterschlupf gefunden im barocken Deckengemälde der Kathedrale und fehlt natürlich auch an der 1955 geschaffenen Gallus-Gedenkstätte bei der Mühleggbahn-Talstation nicht. 1983 wurde die Kreuzung Marktgasse-Multergasse offiziell zum Bärenplatz, auf dem 1997 ein kleiner Steinbär ausgesetzt wurde. Und seit einigen Jahren hat der Bär gar an den Spielen des FC St. Gallen seine Auftritte – in einer kruden Verschmelzung der einstigen Antipoden zu einer einzigen Figur: Das Bärenmaskottchen läuft in einem Trikot mit der Aufschrift «Gallus» auf. So geht Legendenbildung.


Stoff für politische Vorstösse und 1.-April-Scherze

Es wurde aber auch versucht, den Bären als solchen wieder heimzuholen. Théo Buff zeichnet in seinem 2016 erschienenen Buch «St. Gallen – Eine Stadt, wie sie nie gebaut wurde» drei Versuche nach, im Steinachtal Bären aus Fleisch und Blut anzusiedeln. Ein erstes gescheitertes Projekt sah Ende der 1870er-Jahre ein Bärengehege im Stadtpark vor.

1958 kam die Idee wieder aufs Tapet. Ein Aktionskomitee machte sich stark für einen Bärengraben, «der das städtische Wappentier würdigen und der Bevölkerung Freude bereiten sollte», wie Buff schreibt. Als Standort war der Originalschauplatz der Gallus-Legende vorgesehen, die Mülenenschlucht. Als Alternative wurde der Wildpark Peter und Paul ins Gespräch gebracht. Die Sache löste eine ziemliche Kontroverse aus, lieferte Stoff für politische Vorstösse, 1.-April-Scherze und Fasnachtszeitungen – und verlief 1961 «aus technischen Gründen» im Sand.

Dreissig Jahre später sollte das Bärengehege doch noch Realität werden. Die Helvetia Versicherung hatte zu ihrem 125-Jahr-Jubiläum eine grössere Spende in Aussicht gestellt, zwei der vier vorgesehenen Bären waren schon ausgewählt und auf die Namen Gallus und Helvetia getauft. Die Wildparkgesellschaft, die beim früheren Anlauf noch ablehnend reagiert hatte auf die Raubtiere als Nachbarn von Gämsen und Steinböcken, war nun mit von der Partie und reichte 1987 ein Baugesuch ein. Doch die Kritik blieb auch diesmal nicht aus, die Kosten sprengten trotz Geschenk den Rahmen, und auch dieses Projekt scheiterte. Der schlaue Deal des Gallus schien zum Fluch geworden zu sein, je nach Perspektive. In der Bären-Community jedenfalls gilt offensichtlich bis heute: Nie wieder St. Gallen.
 

Stadttiere

Immer wieder avancierten Tiere in der Stadt St.Gallen zu kleinen Berühmtheiten. Das über 500 Jahre alte, ausgestopfte Nilkrokodil im Naturmuseum ist eines der bekanntesten Beispiele dafür. Unvergessen ist auch 50 Jahre nach seinem Ableben Pelikan Max. Die Stadtredaktion lässt diesen Sommer einige dieser Viecher Revue passieren. Heute: das St. Galler Urtier, der Bär. Bereits erschienen: Pelikan Max (13. Juli). (red)


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