Der St.Galler Pendlerverkehr in vier Grafiken: Das Auto ist noch immer beliebt

VERKEHR ⋅ Im neuen Städtevergleich zur Mobilität schneidet die Stadt St.Gallen beim motorisierten Individualverkehr erneut nicht gut ab. Dessen Anteil geht zwar zurück, ist aber immer noch hoch. Der Bericht enthält auch einige Überraschungen.
22. November 2017, 11:19
David Gadze
Der «Städtevergleich Mobilität», in dem verkehrliche Statistiken der sechs grössten Deutschschweizer Städte miteinander verglichen werden, stellte St.Gallen vor fünf Jahren in diversen Bereichen kein gutes Zeugnis aus, insbesondere beim Autoverkehr. Jetzt liegt der neue Bericht mit Zahlen von 2015 vor. Auch diesmal fällt die Stadt St.Gallen in einigen Bereichen ab, während sie in anderen punktet.
 
Die neuen Zahlen erlauben nun einen Vergleich zur Situation im Jahr 2010, der Grundlage des ersten Berichts. Dieser Vergleich ist insofern interessant, da in St.Gallen am 1. April 2010 das Reglement für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung in Kraft trat. Dieses besagt, dass das Verkehrswachstum künftig über den öffentlichen Verkehr (ÖV) und den Langsamverkehr aufgefangen werden soll, der motorisierte Individualverkehr (MIV) hingegen nicht weiter zunehmen darf. Inwieweit die neuen Zahlen auch auf die Einführung des Reglements zurückgehen, ist aus dem Bericht allerdings nicht nachvollziehbar. 
 

Autoverkehr geht anteilsmässig zurück

Der Anteil der Wege, welche die Stadtbevölkerung mit dem MIV zurücklegt, hat im Vergleich zu 2010 von 38 auf 35 Prozent abgenommen. Trotz dieses Rückgangs behauptet St.Gallen damit die Spitzenposition unter den sechs Städten (zusammen mit Winterthur), gefolgt von Luzern mit 33 Prozent. Die drei grossen Städte Basel, Bern und Zürich weisen hingegen MIV-Anteile zwischen 21 und 22 Prozent auf. Deutlich zugenommen hat seit 2010 der Anteil der von der Stadtbevölkerung mit dem öffentlichen Verkehr zurückgelegten Wege: Er ist von 20 auf 26 Prozent gestiegen. Diese Zunahme überrascht insofern, da die Passagierzahlen der Verkehrsbetriebe St. Gallen in den vergangenen Jahren rückläufig waren. Das Velo hat aber weiterhin einen schweren Stand in St.Gallen. Nur vier Prozent der Wege legen Städterinnen und Städter damit zurück, ein Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Damit bildet die Gallusstadt abgeschlagen das Schlusslicht hinter Luzern und Zürich mit jeweils zwölf Prozent. In Basel sind es gar 17 Prozent. Deutlich zurückgegangen ist der Anteil des Fussverkehrs am Modalsplit: Statt 39 werden inzwischen 34 Prozent der Wege zu Fuss absolviert.


Doch obwohl der MIV-Anteil an den zurückgelegten Wegen der Stadtbevölkerung zurückgegangen ist, hat die Zahl der Motorfahrzeuge um die Innenstadt um drei und entlang der Stadtgrenze um zwei Prozent zugenommen. In allen anderen Städten bis auf Winterthur war sie jeweils rückläufig. Und in keiner anderen Stadt ist der Anteil der mit dem Auto zurückgelegten Wege bis drei Kilometer so hoch wie in St.Gallen mit 32 Prozent. Die Zahl der immatrikulierten Personenwagen hat sich auf rund 34100 erhöht. Das entspricht einer Zunahme von acht Prozent. Damit ist der sogenannte Motorisierungsgrad der Stadtbevölkerung um vier Prozent auf 452 Personenwagen pro 1000 Einwohner angewachsen. In Zürich, Bern und Basel war er rückläufig. Gleichzeitig ist die Zahl der ÖV-Passagiere um elf (Innenstadt) beziehungsweise um 14 Prozent (Stadtrand) stärker gestiegen als in den meisten anderen Städten.
 

Ein etwas anderes Bild

Betrachtet man den Modalsplit aller Wege auf dem Stadtgebiet – also sämtlicher Wege, die in der Stadt beginnen oder enden –, zeigt sich ein etwas anderes Bild: Hier macht der MIV fast die Hälfte aus. Damit belegt St. Gallen wie bereits vor fünf Jahren den Spitzenplatz, gefolgt von Winterthur (42 Prozent) und Luzern (40 Prozent). Auf den ÖV entfallen 26 Prozent (plus drei Prozent), zu Fuss werden 24 Prozent der Wege zurückgelegt (minus vier Prozent). Das Velo hat zwar um ein auf drei Prozent zugelegt, spielt aber weiterhin kaum eine Rolle.

Viele Pendler nehmen das Auto

Interessant ist auch ein Blick auf die Pendlerbewegungen. Da diese Zahlen anders und erst seit 2010 erfasst werden, gibt es dazu aber keine Vergleichswerte aus den Vorjahren. In der Stadt St.Gallen sind die Verkehrsträgeranteile bei zu- und wegpendelnden Erwerbstätigen identisch: 57 Prozent entfallen auf den motorisierten Individualverkehr, 41 Prozent auf den öffentlichen Verkehr und zwei Prozent auf den Fuss- und Veloverkehr. Mit den 57 Prozent MIV lässt St. Gallen sowohl bei den Zu- als auch bei den Wegpendlern die anderen Städte deutlich hinter sich. In diesen halten sich der MIV auf der einen sowie der öffentliche und der Langsamverkehr auf der anderen Seite mindestens die Waage, in den drei grossen Städten macht der MIV bei Zu- und Wegpendlern sogar jeweils nur rund einen Drittel aus.


Anders ist das Verhältnis bei den sogenannten binnenpendelnden Erwerbstätigen, also bei Personen, die in der Stadt wohnen und arbeiten. Diese legen 38 Prozent der Arbeitswege mit dem ÖV zurück, 34 Prozent mit dem Velo oder zu Fuss und 27 Prozent mit dem MIV. Dieser spielt bei Binnenpendlern in den drei grossen Städten mit Werten zwischen 11 (Basel) und 13 Prozent (Bern und Zürich) nur eine kleine Rolle, während dort die ÖV-Anteile zwischen 48 (Basel) und 65 Prozent (Zürich) liegen. Unter dem Strich bescheinigt der Städtevergleich der Stadt St.Gallen aber ein gutes ÖV-Angebot.
 


4 Leserkommentare

Anzeige: