Gut leben trotz Demenz

AUSSTELLUNG ⋅ Wandern, Museumsbesuche oder Gesprächsgruppen: Der Verein Mosaik schafft ein Angebot für jüngere Menschen mit Demenz. Ab Donnerstag lässt er Betroffene in einer Ausstellung zu Wort kommen.
31. Oktober 2017, 05:17
Christina Weder

Christina Weder

christina.weder@tagblatt.ch

Das Risiko, an Demenz zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter. Das städtische Amt für Gesellschaftsfragen geht von rund 1370 Betroffenen aus, die in der Stadt St. Gallen leben und über 65 Jahre alt sind. Die grosse Mehrheit von ihnen ist über 80 Jahre alt. Es gibt allerdings immer wieder einzelne Betroffene, welche die Diagnose schon vor dem Pensionsalter erhalten. Ihnen wurde bis jetzt kaum Beachtung zuteil. «Es gab kaum spezifische Angebote für sie», sagt Martina Merz-Staerkle, Verantwortliche des Demenzkongresses St. Gallen. Der Grossteil der Angebote richtet sich an alte und sehr alte Betroffene.

Der noch junge Verein Mosaik will in diese Lücke springen. Die beiden Co-Präsidentinnen Cristina De Biasio und Ulla Ahmann, beide diplomierte Pflegefachfrauen, sind daran, ein Angebot für jüngere an Demenz erkrankte Personen auf die Beine zu stellen. «Die Zielgruppe ist zwar klein, aber das Bedürfnis ist da», sagt Cristina De Biasio. Jüngere Betroffene hätten andere Bedürfnisse und Fragen als ältere. «Sie stehen oft noch im Erwerbsleben, sind körperlich fit und suchen den Austausch mit anderen Betroffenen.» Seit Anfang Jahr führt der Verein eine erste Gesprächsgruppe für Betroffene aus der Ostschweiz. Eine zweite Gruppe ist derzeit im Aufbau. Die meisten ihrer Mitglieder sind noch keine 60 Jahre alt.

«Die Krankheit ist ein Schreckgespenst»

Nun haben die beiden Co-Präsidentinnen zusammen mit Museumskuratoren und weiteren Fachleuten eine Ausstellung erarbeitet. Sie trägt den Titel «Demenz – eins nach dem anderen. Texte, Zeichnungen und mehr von Menschen mit Demenz» und wird am Donnerstag im Waaghaussaal eröffnet (siehe Zweittext «Betroffene berichten»). Der Fokus liegt wiederum auf jüngeren Menschen mit Demenz. Sie sollen in der Ausstellung zu Wort kommen.

«Demenz ist ein Schreckgespenst», sagt Ulla Ahmann. Die Diagnose ziehe den Betroffenen den Boden unter den Füssen weg. Die Ausstellung solle Einblick ins veränderte Leben geben, Mut machen und zeigen, dass es auch ein gutes Leben mit Demenz gebe. «Wir richten unseren Fokus auf das, was trotz allem noch geht.» Ohne dabei die Tragik und die Schwierigkeiten auszublenden, mit denen Betroffene und ihre Angehörigen konfrontiert sind.

Alle zwei Wochen trifft sich die Wandergruppe

De Biasio und Ahmann haben noch viel vor mit ihrem Verein. An Ideen fehlt es ihnen nicht. Seit Mitte Oktober führen sie eine Wandergruppe, die ursprünglich von der Fachstelle Demenz der Fachhochschule St. Gallen initiiert worden ist. 13 Betroffene nehmen alle zwei Wochen daran teil. Sie werden von ebenso vielen Freiwilligen begleitet. Im Frühjahr soll ein Djembe-Workshop mit Demenzkranken starten. Im Sommer steht zum dritten Mal ein Museumsbesuch im Zeughaus Teufen unter dem Motto «Aufgeweckte Kunstgeschichten» auf dem Programm. Weitere Angebote sollen zusammen mit den Betroffenen entwickelt werden. Die Vision der Co-Präsidentinnen ist es, irgendwann eigene Räumlichkeiten zu haben.

Der Verein findet Zuspruch. Martina Merz-Staerkle vom Demenz-Kongress sagt auf Anfrage: «Die Initiantinnen leisten hervorragende Arbeit.» Auch Karolina Staniszweski vom städtischen Amt für Gesellschaftsfragen begrüsst es, dass mit viel Engagement ein neues Angebot aufgebaut wird.


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