Grenze entzweit Quartier

WITTENBACH ⋅ Eigentlich würden die Bewohner des Bruggwald-Quartiers lieber zu St. Gallen denn zu Wittenbach gehören. Sie wollen den Schulstreit zu einem Grenzstreit ausweiten.
03. Januar 2018, 05:20
Noemi Heule

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noemi.heule

@tagblatt.chh

Ein Witz, dachte sich Daniela Nagel, als sie beim Einwohneramt St. Gallen ihre neue Adresse melden wollte. Die Frau am Schalter nämlich verwies sie an die Nachbargemeinde Wittenbach. «Versehentlich», wie sie in einem Leserbrief schreibt, hatte sie nicht nur eine neue Wohnung, sondern gleichsam eine neue Wohngemeinde gefunden. Sie musste sich in Wittenbach anmelden, obwohl auf ihrer Postadresse nach wie vor 9008 St. Gallen steht.

Wie Daniela Nagel ergeht es vielen Einwohnern von Bruggwald. Dass sie eigentlich zu Wittenbach gehören, das merken sie genau einmal im Jahr, wie ein Nachbar sagt. Dann, wenn an der St. Galler Postadresse die Steuerrechnung aus Wittenbach eintrifft. Ein Katzensprung von Heiligkreuz entfernt, fühlen sich die Bruggwalder als Städter. Dass dem nicht so ist, machte ihnen kürzlich das Wittenbacher Schulparlament deutlich. Es entschied, dass die Kinder aus Bruggwald künftig die Oberstufe in Wittenbach besuchen müssen. Für die Bruggwalder aber geht es um mehr als den Standort ihrer Schule. Es geht um ihre Identität. Sie wollen dem Problem deshalb auf den Grund gehen. Und die Grenze neu zeichnen.

Bruggwalder fühlen sich im Stich gelassen

Die Bruggwaldstrasse sollte zu St. Gallen gehören, «so wie es ­jeder selbstverständlich annimmt», fordert eine weitere Leserbriefschreiberin. Ein Quartierbewohner schlägt einen Landabtausch vor. Der Wittenbacher Gemeindepräsident will davon jedoch nichts wissen, wie er auf Anfrage sagt. «Die Stadt St. Gallen verschliesst sich der Frage einer Grenzänderung nicht», sagt dagegen Stadtpräsident Thomas Scheitlin. Allerdings fügt er an: Der Anstoss für Gespräche müsste von der Nachbargemeinde ausgehen. Auf eigenen Antrieb können die Bruggwalder an ihrem Status wenig ändern. Für eine Grenzänderung müssten sie in beiden Gemeinden Mitstreiter für eine Gemeindeinitiative finden. Bereits in der jüngsten Vergangenheit zeigte sich jedoch: Die Bruggwalder fühlen sich sowohl von Wittenbach als auch von St. Gallen im Stich gelassen. In beiden Gemeinden wollten sie sich im Schulstreit mit einer Petition Gehör verschaffen. Ohne Erfolg. Erfolglos blieb auch ihr Versuch, den Kanton einzuschalten. Auch er möchte sich nicht in die Angelegenheit einmischen.

Und so schlängelt sich die Grenze weiter mitten durch Bruggwald, wo sie seit Jahrhunderten demselben Verlauf folgt. Denn sie wurde nicht etwa willkürlich mitten durchs Wohngebiet gezogen. Vielmehr wuchs das Quartier um sie herum. Historiker Johannes Huber, einer der Herausgeber der Wittenbacher Lokalgeschichte, vermutet, dass das Grenzgebiet auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts zurückgeht. Einem Blinddarmfortsatz gleich, ragt es seither ins Heiligkreuz hinein. Im 18. Jahrhundert trennte die Grenze die beiden äbtlichen Niedergerichte Tablat und Wittenbach. Der Spickel ins Heiligkreuzquartier hinein dürfte laut Huber auf eine Güterstrasse zurückgehen, die von Wittenbach aus unterhalten wurde. Sie war damals eine der wichtigsten Verkehrsachsen in Richtung Konstanz. Seit dem späten Mittelalter mager besiedelt, erlebte das Quartier mit der Industrialisierung in den 1950er-Jahren einen Baumboom. Damals kümmerte es niemanden, dass das Haus auf der einen Strassenseite zu Wittenbach, der Nachbar gegenüber zu St. Gallen gehört. Verwirrung habe die Grenze in der Vergangenheit nicht gestiftet, sagt Huber und spricht von einem «Phänomen der heutigen Zeit», in der man nicht mehr bereit sei, mit Gewachsenem Vorlieb zu nehmen.

Logistische Realität statt Identität

Für Verwirrung sorgt heute insbesondere die Postanschrift. Sie bilde einzig die logistische Realität ab, sagt Markus Werner, Pressesprecher der Post. Das gesamte Quartier Bruggwald werde von der Stadt aus beliefert und habe deshalb eine St. Galler Adresse. Dass eine Postleitzahl geändert werde, komme höchstselten vor. Schliesslich sei dies mit einem riesigen logistischen Aufwand für die Anwohner verbunden. «Zwar hat die Postleitzahlen im Laufe der Zeit auch eine emotionale Bedeutung erhalten», sagt Werner. Es sei aber nicht ihr Ziel, Identität zu stiften.