Getöse im goldenen Herbst

LAUBBLÄSER ⋅ Sie sind praktischer als Rechen, aber laut wie Presslufthammer: Laubbläser sind in diesen Tagen fast täglich im Einsatz. Lärmgrenzwerte gibt es nicht, wohl aber leise Alternativen. Auf diese setzt auch die Stadt.
06. November 2017, 05:18
Luca Ghiselli

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Wer kennt es nicht, dieses störende Dröhnen, bevor es Winter wird. Mit bis zu 300 Stundenkilometern und über 100 Dezibel pusten Laubbläser die goldenen Blätter vom Rasen. Damit alles schön sauber ist, wenn der Schnee fällt. In diversen Online-Shops sind kleinere Handgeräte schon für knapp 50 Franken zu kaufen. Die Schwelle, um sich ein solches Gerät anzuschaffen, ist also nicht besonders hoch. Hauswarte fegen damit die Wiese vor der Mehrfamilienhaussiedlung rein, auch das städtische Gartenbauamt befreit damit die öffentlichen Grünflächen vom Laub.

Die Maschinen sind vielen ein Dorn im Aug. Nicht nur, weil sie laut sind. Sondern auch, weil das systematische Wegföhnen von Laub Igeln, Insekten und anderen Tieren die Schlafplätze und den Unterschlupf raubt. Im Leitfaden für Tiere in Haus und Garten, den verschiedene städtische Ämter dieses Frühjahr veröffentlicht haben, wird dazu geraten, auf das Wegräumen des Laubs zu verzichten. Dies, um zu verhindern, dass ein Teil der Insektenwelt im Garten absterbe.
 

«Wenn immer möglich darauf verzichten»

Wer bewusst auf die Laubbläser verzichtet, kann das manuelle Wegfegen inzwischen sogar als Werbeargument ins Feld führen. So schreibt die Militärkantine in ihrem Newsletter, sie verzichte in ihrem Garten auf Laubbläser. «Hier wird noch von Hand geharkt», heisst es. Das sei nicht nur nachhaltiger als die maschinelle Beseitigung, sondern gebe auch schöne Muster im Kies.

Ganz auf die wenig beliebten Laubbläser zu verzichten, kommt für das städtische Gartenbauamt hingegen nicht in Frage. Dessen Leiter Christoph Bücheler sagt auf Anfrage, es ergebe zwar keinen Sinn, die Geräte überall und grundsätzlich zu verwenden. «Bei einigen Flächen führt aber kein Weg daran vorbei.» Dazu zählen Sportanlagen wie die Kreuzbleiche, aber auch grosse Rasenflächen wie der Stadtpark. «Wenn immer möglich, verzichten wir aber darauf und rechen von Hand», sagt Bücheler. Vor allem in Gehölzen setze man auf Handarbeit, um Flora und Fauna nicht zu beeinträchtigen. Dort lasse man das Laub liegen, um Igeln und anderen Tieren den Unterschlupf nicht zu nehmen.

Um nicht nur die Umwelt, sondern auch Nachbarn und Passanten zu schonen, verwende das Gartenbauamt seit einigen Jahren nur noch strombetriebene Akkulaubbläser. «Sie sind leiser und ökologischer als jene mit Benzinmotoren», sagt Bücheler. Die Umstellung sei für das Gartenbauamt ein Quantensprung gewesen. «Heute verfügen wir nur noch über ganz wenige Geräte mit einem Viertaktmotor und greifen wenn immer möglich auf die elektrische Variante zurück.» Vor allem auf Friedhöfen, wo Lärmemissionen besonders kritisch beäugt werden, verzichte man auf die lauten Geräte.
 

Ausserhalb der Ruhezeiten ist das Laubblasen erlaubt

Was, wenn ein Privater stundenlang mit dem Laubbläser die Wiese sauber fegt? Dionys Widmer, Sprecher der Stadtpolizei, sagt auf Anfrage: «Wir haben wenig bis gar keine Beschwerden wegen Laubbläsern.» Deren Verwendung sei auf Bundesebene geregelt, bezüglich der Lautstärke gebe es aber keinen Grenzwert. «Ein benzinbetriebener Laubbläser kann bis zu 115 Dezibel erreichen», sagt Widmer. Zum Vergleich: An Konzerten oder in Clubs darf der Dauerschallpegel den Wert von 100 Dezibel nicht überschreiten. Einen solchen Schwellenwert gebe es für Laubbläser, wie auch für Rasenmäher, aber nicht. «Solange das Gerät ausserhalb der Ruhezeiten benutzt wird, ist das rechtens», sagt Widmer.

Und so geht das «typische Herbstgeräusch der Neuzeit», wie die «Militärkantine» das Heulen des Laubbläsers in ihrem Newsletter bezeichnet, wohl noch einige Tage weiter. Doch es gibt auch danach noch Dinge wegzuräumen. Sobald die letzten Blätter von den Ästen gefallen sind und Schnee liegt, kommt dann das Wintergeräusch der Neuzeit: Die Schneeräummaschine. Und im Frühling, da sausen dann die Rasenmäher wieder über die Parkanlagen, Sportplätze und Privatgärten. Ruhe, das scheint sicher, gehört zu keiner Jahreszeit.


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