Gedichte aus dem Gartenschlauch

WITTENBACH ⋅ Ob Reime des Schnitzelbänklers Louis de Saint Gall, Erzähltheater oder Gedichte vom Poeten-Phone: Das neue Programm des Wittenbacher Theaters Rosis Wirbelwind führt in eine entschleunigte Vorweihnachtswelt.
04. Dezember 2017, 06:35
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

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Schulter an Schulter drängen sich die sechs Personen in einen der Mini-Wohnwagen von Rosis Wirbelwild in Wittenbach, dem kleinsten Theater der Schweiz. Kaum Platz genommen, drückt die Geschichtenerzählerin Clau Wirth jedem zwei Stricknadeln in die Hand und fordert die Zuhörerinnen und Zuhörer auf, damit «Seemannsgarn zu stricken». Während die Nadeln klappern, erzählt sie eine Geschichte über das Meer, die Fische, eine Meerjungfrau und den gierigen Seemann Jean. Sie raschelt mit Tüchern, spielt auf ihrer Zither, leuchtet mit kleinen Lampen umher und schafft damit eine Stimmung, wie man sie sich auf einem märchenhaften Meeresboden ausmalt. Nach zwanzig Minuten ist die Vorstellung beendet und es geht weiter in den nächsten Wohnwagen. Das neue Programm von Rosis Wirbelwind ist auf vier Wohnwagen aufgeteilt. Nach jeder Vorstellung rotiert das Publikum.

Nach der Premiere in Wittenbach macht das Erzähl- und Musiktheater mit Comedy, Clownerie, Hokuspokus und Figurenspiel aktuell noch bis Mittwoch Halt auf dem Gallusplatz in St. Gallen. Danach geht es weiter nach Zürich, Arbon und Altstätten. An jedem Abend sind andere Künstlerinnen und Künstler mit dabei. Heute Abend auf dem Gallusplatz wird Louis de Saint Gall, einer der bekanntesten Schnitzelbänkler der Stadt sowie die Künstlerin Mo Keist mit ihrem Poeten-Phone, einer Apparatur aus Sprechmuschel und Gartenschläuchen, mit dabei sein. Die beiden haben bereits am Freitag in Wittenbach ihr Publikum in winzige, entschleunigte Parallelwelten entführt.
 

Kritik am Black Friday und den Glühweinständen

Um Entschleunigung geht es bei Rosis Wirbelwind laut Projektleiter Gerold Huber. «Wer einen der Retro-Wohnwagen betritt, nimmt sich bewusst aus dem hektischen Alltag heraus, kann abschalten und lässt sich auf etwas völlig anderes ein.» Die Stimmung ist familiär. Die verschiedenen Künstler, die auftreten, kennt Huber persönlich. Mit vielen von ihnen hat er auch schon bei anderen Projekten zusammengearbeitet wie etwa bei der Märli-Karawane, die Märchen und Sagen in Städte und Dörfer rund um den Säntis brachte.

Die aktuelle Produktion können sich pro Spieltag 24 Gäste anschauen. Es gibt zudem ein geheiztes Buffetzelt und warme Speisen und Getränke sowie Akkordeon-Musik und weitere Aktionen. Während der Premiere in Wittenbach las Mo Keist Vorfrühlingsgedichte durch ihr Poeten-Phone vor. Ihre Stimme konnte nur hören, wer sich die Enden von zwei Gartenschläuchen an die Ohren hielt.

Ein Highlight war die Weihnachtsgeschichte, die Louis de Saint Gall geschrieben hat. So ziemlich alles, was sich an der Advents- und Weihnachtszeit kritisieren lässt, bekommt darin sein Fett weg: ob Halloween, Black Friday oder der Glühweinstand auf dem St. Galler Marktplatz. «Wo findet man denn heute sein Seelenheil?», singt er. An diesem Abend findet es sich im Stricken, im Singen und in der Erkenntnis, dass es sich bei Rosis Wirbelwind doch ganz gut auf die Adventszeit besinnen lässt.


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