Frauen sind in der Frauenfrage uneins

WAHLEN ⋅ Für den frei werdenden Sitz im Stadtrat kandidieren drei Männer und zwei Frauen. Obwohl derzeit mit Maria Pappa lediglich eine Frau im fünfköpfigen Gremium sitzt, ist die Frauenfrage im Wahlkampf bis jetzt kaum ein Thema.
29. August 2017, 07:04
Christina Weder

Christina Weder

christina.weder@tagblatt.ch

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Frauen sind im St. Galler Stadtrat untervertreten. Baudirektorin Maria Pappa steht vier männlichen Kollegen gegenüber. Der Frauenanteil beträgt damit 20 Prozent. Ob der frei werdende Stadtratssitz in Männerhand bleibt, wird sich am 24. September weisen. Der Wahl stellen sich zwei Kandidatinnen und drei Kandidaten. Als Kronfavorit gilt bis jetzt CVP-Mann Boris Tschirky.

Frauennetzwerke halten sich mit Wahlempfehlung zurück

Die Geschlechterfrage hat in der Vergangenheit schon höhere Wogen geworfen. Im derzeitigen Wahlkampf spielt sie eine Nebenrolle. Die Frauennetzwerke haben sich bis jetzt zurückgehalten. Der Verein Leaderinnen Ostschweiz legt sich nicht auf eine Kandidatin fest, da er parteipolitisch neutral ist. Und die Frauenzentrale St. Gallen gibt laut Präsidentin Jacqueline Schneider auf kommunaler Ebene generell keine Wahlempfehlungen ab. Nichtsdestotrotz findet Schneider: Es sei an der Zeit, dass in politischen Gremien die Parität der Geschlechter hergestellt werde. Eine einzige Frau im fünfköpfigen Stadtrat sei definitiv zu wenig. «Deshalb würden wir uns wünschen, dass eine der beiden Frauen punktet.» Für sie ist klar: Frauen setzen andere Themen und andere Prioritäten.

Die beiden Stadtratskandidatinnen – Ingrid Jacober von den Grünen und Sonja Lüthi von den Grünliberalen – werfen die Frauenfrage selber auf. «Es müssten mindestens zwei qualifizierte Frauen in der Exekutive sein. Besser wären drei», sagt Sonja Lüthi im Tagblatt-Interview (Ausgabe vom 25. August). Und Ingrid Jacober will sich nicht nur für grüne Themen, sondern explizit für Frauenanliegen wie gerechte Löhne, neue Familienformen, Teilzeitarbeit und Kinderbetreuung einsetzen. «Es ist noch viel zu tun für uns Frauen», schreibt sie auf ihrer Homepage.

Tatsächlich sind noch nicht viele Stadträtinnen im St. Galler Rathaus ein- und ausgegangen. Die erste war Helen Kaspar. Sie wurde 1985 für die FDP in die städtische Exekutive gewählt. Auf sie folgten Liana Ruckstuhl, Elisabeth Beé­ry, Barbara Eberhard, Patrizia Adam und Maria Pappa. Zwischen 2001 und 2012 waren zwei Frauen im Stadtrat vertreten. Im fünfköpfigen Gremium waren Frauen aber noch nie in der Mehrheit.

Veranstaltung ohne männliche Kandidaten

Eine, die sich für eine zweite Stadträtin stark macht, ist Erika Bigler. Die Frauennetzwerkerin und Co-Präsidentin der Genossenschaft Denkbar findet: «Eine Frau politisiert anders als ein Mann.» Eine Kandidatin wie Sonja Lüthi wisse, was es bedeute, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das Thema der Vereinbarkeit sei zentral. Junge Frauen bräuchten Vorbilder. Die Genossenschaft Denkbar verzichtet zwar auf eine Wahlempfehlung, da sie parteipolitisch unabhängig ist. Aber für Erika Bigler ist klar: «Es muss eine Frau sein.» Aus diesem Grund organisiert sie am Donnerstag, 7. September, eine Wahlveranstaltung nur für die beiden Kandidatinnen. «Wir wollen ihnen eine Plattform bieten.» Für Sonja Lüthi wird es ein Heimspiel, denn sie teilt sich mit Erika Bigler das Präsidium der Denkbar.

Uneins in der Frauenfrage sind sich die Stadtparlamentarierinnen. Sie gewichten sie unterschiedlich. Die CVP-Frauen stellen sich geschlossen hinter CVP-Mann Boris Tschirky. Susanne Gmünder Braun sagt: «Die Zeiten sind vorbei, da das Geschlecht über eine Kandidatur entschieden hat.» Auch für Barbara Hächler ist die Frauenfrage in dieser Stadtratswahl «kein Thema». «Mit Boris Tschirky haben wir einen fähigen Kandidaten.» Ihm würde sie zutrauen, Frauenanliegen zu vertreten.

Auch die SVP-Frauen bleiben dem Kandidaten aus den eigenen Reihen treu. Für Fraktionspräsidentin Karin Winter-Dubs spielt das Geschlecht eine sekundäre Rolle. Wichtiger seien Qualifikation und Hintergrund. «Wir wollen mit Jürg Brunner endlich einen Gewerbler im Stadtrat.» Dennoch gibt es auf bürgerlicher Seite auch Frauen, die sich einen «weiblicheren Stadtrat» wünschen. Elisabeth Zwicky Mosimann, Präsidentin der FDP-Frauen, ist der Meinung: «Eine zweite Frau würde dem Stadtrat guttun.» Die Frauenfrage spiele im Wahlkampf durchaus eine Rolle – aber wohl nicht die entscheidende.

«Ein anderes Klima als im Männergremium»

Die SP hat mit ihrer Wahlempfehlung für eine Überraschung gesorgt. Sie gibt der grünliberalen Kandidatin den Vorzug und nicht dem Jungsozialisten Andri Bösch. Das ist ganz im Sinne der SP-Frauen. «Wir wollen eine zweite Frau im Stadtrat», sagt Lisa Etter-Steinlin. «Frauen bringen nicht nur andere Themen ein, sie sorgen auch für ein anderes Klima.» Man diskutiere anders als in reinen Männergremien.

Die Politische Frauengruppe hat sich noch nicht abschliessend auf einen Kandidaten oder eine Kandidatin festgelegt. Für PFG-Stadtparlamentarierin Andrea Hornstein ist klar: «Es reicht nicht, einfach eine Frau zu sein – die politische Farbe muss stimmen.» Deshalb unterstützt die PFG nicht nur die Grüne Ingrid Jacober, sondern hegt auch Sympathien für Juso-Mann Andri Bösch. Das letzte Wort aber, ob sich Frau oder Mann im Kampf um den Stadtratssitz durchsetzen wird, hat das Stimmvolk am 24. September.


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