Fabio de Souza spielte für den FC St.Gallen Fussball - als würde er tanzen

EVERGREEN ⋅ Vor fast 20 Jahren kam Fabio de Souza aus Brasilien in die Ostschweiz – und ist bis heute hier geblieben. Zwei Jahre verbrachte er beim FC St. Gallen – auch dank eines anderen Brasilianers.
09. Februar 2018, 19:52
David Gadze
Die Liste der Brasilianer, die in jüngerer Vergangenheit beim FC St. Gallen Fussball gespielt haben, ist lang. Doch nur wenige bewegten sich über den Platz, als würden sie Fussball tanzen. Einer von ihnen war Fabio de Souza, besser bekannt als Fabinho. Dabei hätte er die Schweiz fast wieder verlassen, ehe er richtig angekommen war.
Fabio de Souza arbeitet heute für eine Immobilienfirma in Wil und ist Fussballtrainer. Zoom

Fabio de Souza arbeitet heute für eine Immobilienfirma in Wil und ist Fussballtrainer.

Als er im Winter 1998 aus dem heissen Rio de Janeiro nach Wil kommt, ist es ein Kulturschock: «Nicht nur wegen der fremden Sprache und der unbekannten Mentalität, sondern auch wegen des Klimas!» Sein erstes Spiel absolviert er auf Schnee, spürt irgendwann vor Kälte die Zehen nicht mehr. Der damals 24-Jährige fliegt zurück in die Heimat, kehrt aber wenige Tage später zurück. «Ich wollte mich durchbeissen.»
 

Angst um die Existenz

Schon kurze Zeit später hat er sich sichtbar akklimatisiert. In der Rückrunde schiesst er für den FC Wil sieben Tore und spielt sich in die Notizblöcke anderer Clubs. Im Sommer 1999 wechselt er zum Nationalliga-A-Aufsteiger Delémont, wo er weiterhin regelmässig trifft. Nach dem sofortigen Wiederabstieg der Jurassier kehrt er zum FC Wil zurück. Bei den Äbtestädtern ist er 2002 der prägende Spieler beim erstmaligen Aufstieg in die Nationalliga A und die zentrale Figur beim bis heute grössten Erfolg der Vereinsgeschichte, dem Gewinn des Schweizer Cups 2004, bei dem Fabinho zwei Tore zum 3:2-Sieg gegen die Grasshoppers schiesst.

Doch der Cupsieg überstrahlt nur kurz die Turbulenzen jener Zeit. Ein Jahr vor dem historischen Triumph stand der FC Wil vor dem Konkurs und legte sein Schicksal in die Hände des ukrainischen Investors Igor Belanow. Unter der Führung des ehemaligen Fussballprofis stürzte der Club jedoch sportlich in die Nationalliga B und finanziell in den Abgrund. «Ich hatte Angst um meine Existenz. Ich war in die Schweiz gekommen, um Fussball zu spielen und um damit Geld zu verdienen. In dieser Situation war nicht einmal an ersteres zu denken.»

Mehrere Vereine bekunden Interesse am torgefährlichen Mittelfeldspieler, unter anderem GC. Er entscheidet sich für den FC St. Gallen, der ihm schon während der Wiler Zeit imponiert. Und sein Landsmann Jairo, mit dem er bereits bei Blumenau Esporte Clube in Brasilien sowie ganz kurz beim FC Wil zusammengespielt hatte, schwärmt ihm vom «grossen FCSG» vor.
 

Jüngere erhalten den Vorzug

Als Jairo kurze Zeit später die «Espen» definitiv verlässt, soll Fabinho in seine Fussstapfen treten. Er spielt gut, wirbelt elegant über den Platz, kann seine Kreativität als Spielmacher jedoch nur bedingt entfalten. Im Sommer 2006 läuft der Vertrag des damals 31-Jährigen, der in zwei Saisons für den FC St. Gallen nur ein Meisterschaftstor erzielt hat, aus. In den Verhandlungen geben ihm die Verantwortlichen zu verstehen, künftig auf jüngere Spieler zu setzen.

«Ich liebte den Konkurrenzkampf, aber ich wollte auch die Gewissheit haben, regelmässig zu spielen.» Deshalb schliesst er sich dem Ligakonkurrenten FC Schaffhausen an. Dort endet Fabinhos Karriere als Fussballprofi nach nur wenigen Spielen jäh: Eine schwere Knieverletzung zwingt ihn zum Rücktritt vom Spitzensport.
 

Seit elf Jahren beim FC Herisau

Der Abgang von der Fussballbühne ist es aber noch nicht: Giuseppe Gambino, sein ehemaliger Mitspieler in Wil und damals Spielertrainer beim FC Herisau, will ihn zum 1.-Liga-Club holen. Zunächst vergebens. «Ich erklärte ihm, dass meine Karriere vorbei ist.» Doch Gambino lässt nicht locker und überredet Fabinho schliesslich, ein Spiel seiner Mannschaft zu besuchen. «Beim Zuschauen hat es mich dann plötzlich wieder gejuckt.» So schnürt er fortan die Schuhe für den FC Herisau – und bleibt ihm auch nach dem Abstieg in die 2. Liga bis heute treu. Zunächst als Spieler, dann als Spielertrainer und schliesslich als Trainer.

Fast 20 Jahre nach seiner Ankunft in der Ostschweiz ist Fabinho inzwischen in der Region verwurzelt. Mit seiner Frau, die er während der Zeit beim FC Wil kennen gelernt hat, und den beiden Kindern wohnt der 42-Jährige in Wilen. Er arbeitet als Sachbearbeiter für eine Immobilienfirma. Die Ostschweiz sei zu seiner zweiten Heimat geworden, sagt er. Eine Rückkehr nach Brasilien steht nicht zur Diskussion. Das Heimweh spürt Fabinho aber gelegentlich immer noch. Und vielleicht sieht man schon in wenigen Jahren Fabinho Junior im Kybunpark oder in der IGP-Arena tschutten: Sein 13-jähriger Sohn Diego spielt in der U13-Mannschaft des FC Wil.
 

Einst Spieler – und heute?

Die Tagblatt-Stadtredaktion ruft auch in dieser Saison einige ausgewählte Akteure des FC St.Gallen in Erinnerung, die zwischen den 1960er-Jahren und der jüngeren Vergangenheit auf dem Espenmoos oder im neuen Fussballstadion gespielt haben. (red.)


FC St. Gallen – FC Zürich
morgen So, 16 Uhr, Kybunpark.
Matchtipp Fabinho: 2:0
 

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