Tierschützer eröffnet ersten rein veganen Laden in der Bratwurststadt

VEGANISMUS ⋅ Renato Werndli eröffnet am Samstag den ersten voll veganen Laden der Stadt. Der Arzt setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte der Tiere ein. Er sammelt Unterschriften für Referenden und Initiativen. Nun propagiert er seine Ansichten in St.Gallen.
05. Januar 2018, 10:07
Christoph Renn
Sojaprodukte wie Tofu, vegane Kosmetika und Literatur: Im Laden Vegantasia, der morgen Samstag an der Spisergasse 30 eröffnet, gibt es alles, was das Veganerherz begehrt. Hinter dem ersten voll veganen Geschäft in St.Gallen steht der Arzt und Tierschützer Renato Werndli. Und sein Laden hat bereits Schlagzeilen ausgelöst. Fleischaktivisten kündigten eine Kundgebung an, haben ihren Protest aber abgesagt (siehe Box). Doch wer ist der Mann, der den veganen Lebensstil in der Bratwurststadt mit seinem neuen Laden bekannter machen will?

Renato Werndli wohnt und arbeitet in Eichberg im St.Galler Rheintal. Dort betreibt er eine Hauspraxis. Seine gesamte Freizeit setzt er seit Jahren für Tierrechte ein – rund 20 bis 30 Stunden in der Woche. Er steht mit Gleichgesinnten vor Schlachthäusern, verbreitet seine Ansichten durch ein Megafon, hält Plakate in die Höhe. Oft geht er mit einem Kugelschreiber ausgerüstet auf die Strassen der Schweizer Städte und sammelt Unterschriften für Petitionen, Referenden und Initiativen. Momentan setzt er sich für die eidgenössische Tierversuchsverbots-Initiative ein. Doch Werndli ist kein Polterer. Er verbreitet seine Ansichten ruhig und belegt sie mit Fakten.
 

Auch Schafe müssen leiden

Mit «Vegantasia» versucht Werndli nun, den St.Gallern das Bewusstsein für die Missstände bei den Tierrechten zu schärfen. «Es gibt zwar einige Reformhäuser, doch für eine Stadt dieser Grösse ist es schon besonders, dass es bisher noch kein veganes Geschäft gegeben hat», sagt er. Sogar in Schaffhausen sei man in dieser Hinsicht weiter. Von Zürich wolle er gar nicht sprechen. In seinem Geschäft bietet er alle möglichen Fleischersatzprodukte an, speziell Gewürze und Brot. Nur Gemüse werde man bei ihm vergebens suchen. Auch für vegane Kleidung habe er keinen Platz. Obwohl er selbst niemals Hemden aus Schafswolle oder Schuhe aus echtem Leder anziehen würde. «Die Lederproduktion ist ganz schlimm, aber auch die Schafe in Neuseeland müssen leiden.» Die Tiere würden beim Schären regelrecht gequält.
 

Nur ganz selten ein Tier berührt

Renato Werndli ernährt sich seit 30 Jahren vegetarisch. Seit acht Jahren lebt der Rheintaler Arzt vegan, verzichtet also auf alle tierischen Produkte, isst keine Eier und trinkt keine Milch. «Mir fehlt es an nichts», sagt er bestimmt. Lediglich das Vitamin B12 nimmt er mit Tabletten zu sich und ergänzt: «Dieses Vitamin wird auch bei Fleischprodukten beigesetzt.» Er verheimlicht auch nicht, dass ihm Fleisch und Käse wohl schmeckten, doch seine Moralvorstellungen würden ihm den Appetit darauf verderben. So propagiert er den veganen Lebensstil weniger aus gesundheitlichen Aspekten denn aus tierethischen Gründen.

Sein Engagement für die Tiere hat während seines Medizinstudiums begonnen. Er ist Mitgründer der Organisation «Ärzte gegen Tierversuche». Mit den Jahren wuchs sein Engagement für die Tiere. «Mir wurden die Missstände immer bewusster», sagt er. Zu Tieren selbst pflegt er jedoch eine spezielle Beziehung: «Ich habe Angst vor ihnen», sagt Werndli. So habe er noch fast kein Tier angefasst. Doch diese Angst hält ihn nicht davon ab, sich Tag für Tag für die Rechte der Tiere einzusetzen.

Was Passante vom veganen Laden in der Stadt St.Gallen halten, lesen Sie hier in unserer Umfrage.
 

Angekündigte Demo war kein PR-Gag

Kundgebung Bereits vor der Eröffnung des ersten voll veganen Ladens in St.Gallen hat er Medienschlagzeilen ausgelöst. Fleisch-Aktivisten kündeten eine Protestaktion an. «Vegantasia»-Inhaber Renato Werndli zögerte keine Sekunde und meldete die Ankündigung den Medien. In einem anonymen Anruf habe er erfahren, dass gegen die Eröffnung protestiert werde. Doch die Fleischliebhaber haben kalte Füsse bekommen und die Kundgebung unter dem Titel «Fleisch = Kulturgut» wurde abgesagt.

Weil die Veganer sie «bei den Medien verpetzt» hätten, wie Werndli in einer Mitteilung schrieb. Den Rückzug verkündeten die Fleischliebhaber, so es sie denn wirklich gab, in einem skurrilen anonymen Schreiben, das an einen schlechten Krimi erinnert – mit einzeln ausgeschnittenen Buchstaben. Schnell wurde in den Internet-Kommentaren der Verdacht laut, die Veganer um Tierrechtsaktivist Werndli hätten alles inszeniert, um mediale Aufmerksamkeit für den veganen Laden «Vegantasia» zu erhalten.

Dass so eine Anti-Kundgebung auch gute Werbung für Werndlis neuen Laden in St.Gallen darstellt, bestreitet er nicht. «Es handelt sich dabei jedoch nicht um einen billigen PR-Gag von uns», dementiert Werndli die Anschuldigungen. Ganz ohne Kundgebung startet der erste voll vegane Laden diesen Samstag jedoch nicht. Trotz des Rückziehers der Fleischesser halten die «Autonomen Tierrechtsaktivistinnen und Tierrechtsaktivisten Zürich» (Ataz) am Auftritt an der Eröffnung fest. Sie wollen um 15 Uhr Werbung für den veganen Lebensstil machen. (ren)


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