Eine Schau fürs Publikum

TRADITION ⋅ Das Quartier hat sie vermisst, jetzt ist sie wieder da: Nach einem Jahr Pause fand gestern in Haggen erneut eine Viehschau statt. Die Zusammenarbeit dreier Bauern mit dem Quartierverein machte es möglich.
30. September 2017, 05:19
Roger Berhalter

Roger Berhalter

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Die Schlössli-Wiese in Haggen bietet an diesem Freitagnachmittag ein ungewohntes Bild. Kühe stehen in Reih und Glied auf der Wiese, Kinder streicheln Kälbli und Häsli und spielen auf der Strohballenburg. Es ist wieder Viehschau in Haggen. Das ist nicht selbstverständlich, denn im vergangenen Jahr musste sie abgesagt werden. Nur vier Bauern hatten sich angemeldet – zu wenig für eine richtige Schau. Dieses Jahr machen sogar nur drei Bauern mit: Max Gmür, Norbert Knill und Felix Knöpfel. Dennoch findet die Viehschau wieder statt – unter anderem schlicht deshalb, weil sie wieder stattfinden muss. Denn wäre sie zum zweiten Mal in Folge abgeblasen worden, wäre die Tradition bestimmt vorbei gewesen.

In St. Georgen und in Haggen

Weil heuer nur drei Bauern mitmachen, tritt der Wettbewerb in den Hintergrund. Es ist kein Gegen-, sondern ein Miteinander. «Wir zeigen keine Leistungsschau, sondern eine Publikumsschau», sagt Bauer Max Gmür, die treibende Kraft am diesjährigen Anlass. Er strahlt bis über beide Ohren, weil so viele Besucher gekommen sind. «Die Viehschau ist gelungen!», wird er später ins Mikrofon rufen, vor Freude so laut, dass sich die Boxen überschlagen. Aber es stimmt: Vom Kleinkind bis zur Grossmutter scheinen hier alle glücklich darüber zu sein, dass die Stadt neben St. Georgen auch in Haggen wieder eine Viehschau hat.

«Das Quartier hat die Viehschau vermisst», sagt Claudia Dornbierer vom Einwohnerverein Bruggen. Immer wieder seien Quartierbewohner deswegen an den Verein herangetreten. Also wagten der Einwohnerverein und die drei Bauern gemeinsam einen neuen Versuch. Neu kümmert sich der Einwohnerverein mit fast 30 Freiwilligen um die Festwirtschaft. Das entlastet die Bauern, die früher selber für den Festbetrieb verantwortlich waren. Die Buchhaltung hält man laut Claudia Dornbierer möglichst einfach: «Alles kommt in denselben Topf, und das Ziel ist, die Kosten zu decken.» Viele Helfer sorgen dafür, dass die Rechnung nicht zu hoch ausfällt. Auch die Kleinen helfen mit: Das Stroh mussten die Bauern nicht selber auf der Wiese verteilen, das haben Schülerinnen und Schüler vom Boppartshof übernommen. Fast 500 Kinder haben gestern Morgen die Viehschau besucht. Die Stadtkinder konnten Kühe bestaunen, Stallluft schnuppern und beim Mosten zusehen: Der Einwohnerverein demonstrierte mit einer Handpresse, wie man zwei Tonnen Äpfel zu Süssmost macht.

45 Bauernbetriebe auf Stadtgebiet

Kurt Frischknecht vom städtischen Büro für Landwirtschaft ist an diesem Nachmittag mit der Kamera unterwegs. Seit Jahren schiesst er an der Viehschau Fotos, die er anschliessend den Bauern zur Verfügung stellt. Als er seine Stelle vor bald 30 Jahren antrat, zählte man auf Stadtgebiet rund 80 Bauernbetriebe. Heute sind es noch 45 Betriebe mit Rindviehhaltung mit insgesamt fast 1800 Tieren. Das macht St. Gallen noch nicht zur Bauernstadt, im kantonalen Vergleich liegt die Gemeinde aber im vorderen Drittel. Frischknecht zeigt sich mit der Viehschau Haggen zufrieden. Er sei froh, dass dieses Brauchtum weiter gepflegt werde. Das sei nicht selbstverständlich, denn finanziell lohne es sich für die Bauern nicht: «Jeder, der mitmacht, legt drauf.»


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