Ein Spielplatz für alle

TOLERANZ ⋅ Am Spielplatz an der Ecke Linsebühlstrasse/Harfenstrasse treffen sich regelmässig Randständige. Vielen Anwohnern sind sie ein Dorn im Auge. Die Stiftung Suchthilfe versucht nun, ein Nebeneinander zu ermöglichen.
24. August 2017, 05:19
David Gadze

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Das Treiben am Spielplatz an der Ecke Linsebühlstrasse/Harfenstrasse könnte sich auf jedem ­anderen Spielplatz in der Stadt St. Gallen abspielen: Kinder sausen die Rutschbahn hinunter, besteigen das Klettergerüst oder spielen mit den Kieselsteinen, während sich die Erwachsenen daneben unterhalten. Doch etwas unterscheidet den Spielplatz in diesem Moment von anderen: Auf den Parkbänken sitzt eine Handvoll Randständiger, eine von ihnen spielt Pingpong mit einem Mitarbeiter der Fachstelle für aufsuchende Sozialarbeit der Stiftung Suchthilfe (Fasa).

Kinder vom Spielplatz verdrängt

Die Fasa hat Anwohnerinnen und Anwohner und ihre Kinder gestern Nachmittag ins Pärkli eingeladen. Das Ziel der Aktion: Berührungsängste zu den Randständigen abzubauen, um ein Nebeneinander auf dem Spielplatz zu ermöglichen. Denn dieses findet kaum statt, seit sich die Randständigen am Spielplatz treffen. Im Gegenteil.

Vor rund eineinhalb Jahren waren Quartierbewohner an die Stiftung Suchthilfe herangetreten mit der Bitte, etwas zu unternehmen. Die Kinder würden von Randständigen vom Spielplatz verdrängt. Es wurde ein runder Tisch gebildet und eine Umfrage unter Anwohnern lanciert. Ausserdem schauen Mitarbeitende der Fachstelle für aufsuchende Sozialarbeit zweimal pro Woche jeweils am Nachmittag vorbei, bei Bedarf auch häufiger, sagt Betriebsleiterin Kathrin Wenger. Dabei gehe es nicht darum, die Randständigen zu vertreiben: «Auch sie haben das Bedürfnis und das Recht, sich irgendwo aufzuhalten.» Das Nebeneinander sei deshalb wichtig. Die Umfrage habe zudem gezeigt, dass die Randständigen durchaus den Kontakt zur Quartierbevölkerung schätzten. Das bestätigen zwei, die sich gestern Nachmittag auf dem Spielplatz aufhalten.

Bei der Diskussion um die Nutzung des Spielplatzes handle es sich um einen «klassischen Interessenkonflikt», sagt Jürg Nigg­li, Leiter der Stiftung Suchthilfe. Dieser könne sich nicht von selber lösen, sondern nur durch gezielte Arbeit. Der Spielplatz sei für alle zugänglich, entsprechend soll sich niemand benachteiligt fühlen. «Unsere Aufgabe besteht nun darin, auf die Leute zuzugehen, ihre Bedürfnisse aufzunehmen und die Dialogbereitschaft zu fördern.» Letztlich soll so das Vorurteil fallen, dass Randständige ein Problem darstellten. Damit dieses Miteinander funktioniere, brauche es jedoch auch die Bereitschaft der Randständigen, «aus ihrem Kokon herauszukommen» – und klare Spielregeln zu akzeptieren: «Das ist kein Ort für Drogenkonsum.» Solches Verhalten werde sanktioniert.

«Der Hundekot stört mehr»

Sie empfinde die Randständigen nicht als störend, sagt eine Anwohnerin, die mit ihren beiden Kindern anwesend ist. «Wenn sie gemütlich ihr Bier trinken, macht das nichts. Der herumliegende Hunde- und Katzenkot ist viel ärgerlicher.» Komme es aber zu «Saufgelagen» oder würden gar Drogen gehandelt und konsumiert, sei die Grenze des Tolerierbaren überschritten. Eine andere Anwohnerin sieht das anders. Seit sich Randständige am Spielplatz treffen, sei dieser für sie und ihre Kinder zum Spielen «kein Thema» mehr.

Für Jürg Niggli ist klar, dass es «sehr anspruchsvoll» sein werde, gegen die Widerstände und Vorurteile anzukämpfen. «So etwas ist ein Prozess, der sich nicht von heute auf morgen erledigt hat.» Ob das Nebeneinander auch von sich aus, also ohne Anstoss von aussen funktionieren könne, müsse sich weisen. «Wir hoffen einfach, dass es irgendwann von alleine geht und wir einen Normalzustand erreichen können.»


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