Ein Orchester verstummt

AKKORDEON ⋅ Das Akkordeon-Orchester Nagel zählte in seiner Blütezeit über 100 Mitglieder. Doch der Nachwuchs fehlt. Deshalb löst sich die Gruppe nach 87 Jahren und vielen Konzerten bald auf.
10. November 2017, 05:19
Marlen Hämmerli

Marlen Hämmerli

marlen.haemmerli@tagblatt.ch

Sie spielten im Kongresshaus Schützengarten, in einem Stadtbus und in zahlreichen Kirchen. Doch bald ist Schluss: Nach 87 Jahren wird das Akkordeon-Orchester Nagel St. Gallen nächstes Jahr verstummen. «Uns fehlt der Nachwuchs», sagt Vereinspräsident Roland Diethelm. «Die Jugendlichen lernen heute nicht mehr Akkordeon.» Dazu komme, dass einige der zehn langjährigen Mitglieder aus dem Orchester austreten möchten. Vor Kurzem beschlossen die Vereinsmitglieder deshalb einstimmig, aufzuhören: «Das soll man schliesslich tun, wenn es am schönsten ist.»

Das Akkordeon-Orchester trat jährlich in etlichen Alters- und Pflegeheimen auf. Dazu kamen Jahreskonzerte in der katholischen Kirche Bruggen und der evangelischen Kirche Heiligkreuz. Pro Jahr seien es 12 bis 15 Auftritte gewesen, sagt Diethelm. Dabei gehörte nicht nur traditionelle Akkordeonmusik zum Repertoire des Orchesters. Denn die Handharmonika sei ein sehr vielfältiges Instrument: «In Altersheimen spielten wir Schlager aus den 1970er-Jahren und an den Jahreskonzerten klassische Musik.» Diese Vielfalt mache für ihn auch den Reiz aus.

Das Orchester gab auch aussergewöhnliche Konzerte

Das Akkordeon-Orchester Nagel spielte aber auch an spezielleren Orten, etwa in einem Stadtbus. Das war an der Museumsnacht 2008. Darauf angesprochen lacht Diethelm und sagt: «Der Buschauffeur fuhr mit uns durch die Stadt, hielt am Marktplatz und öffnete die Türen. Dort standen einige Leute, für die wir dann spielten.» Nach dem Stück habe der Chauffeur die Türen wieder geschlossen und sei zur nächsten Station gefahren.

Mit den Konzerten ist es nun bald vorbei. Per Ende Juni 2018 löst sich das Orchester auf. Von Ehemaligen habe er bereits Rückmeldungen erhalten, sagt Diethelm. «Nicht alle verkraften es gleich gut.»

Denn das Akkordeon-Orchester Nagel hat Tradition: 1931 wurde der Verein gegründet. Acht Jahre später übernahm der spätere Namensgeber Josef Nagel die musikalische Leitung. Während 61 Jahren dirigierte er das Orchester und leitete gleichzeitig die Musikschule Nagel. «Er brachte uns den Nachwuchs», sagt Diethelm. Auch er selbst sei so zum Orchester gekommen.

Noch vor etwa 40 Jahren hatte der Verein laut Diethelm über 100 Mitglieder. «Bei den Jahreskonzerten im Kongresshaus Schützengarten hatten kaum alle Platz auf der Bühne.» Deshalb mussten die Musiker auf drei Orchester aufgeteilt werden. Gemeinsam spielten sie an Wettbewerben im In- und Ausland und wurden laut Diethelm regelmässig ausgezeichnet: «Im Vereinsarchiv stehen etliche Zinnbecher und Wappenschilder.»

Das Abschiedskonzert erhält einen würdigen Rahmen

Vor 16 Jahren gab Josef Nagel aus gesundheitlichen Gründen die Leitung des Akkordeon-Orchesters auf. Seitdem dirigierte Bruno Ledergeber das Orchester. Nun wird es aufgelöst. Mit dem Verein sind viele Erinnerungen verbunden: «Weil wir am Ende so klein waren, war das Orchester fast wie eine Familie», sagt Diethelm. Manche der verbleibenden Mitglieder seien schon seit über 50 Jahren dabei. «Jeder weiss, wie sein Sitznachbar spielt. Wir kennen uns sehr gut.» So hätten sie nicht nur gemeinsam musiziert, sondern auch sonst viel miteinander unternommen. «Daraus entstanden auch Ehen.» Auch er habe seine Frau über das Orchester kennen gelernt.

Für das Abschiedskonzert am 29. April hat Diethelm den Pfalzkeller reserviert. «Das letzte Konzert soll in einem würdigen Rahmen stattfinden.» Die Akkordeonisten werden dann eine Auswahl ihrer Lieblingsstücke der letzten 15 Jahre spielen. «So können wir unser ganzes musikalisches Spektrum zeigen und nochmals die Stücke spielen, die uns besonders am Herzen liegen.»


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